Klausurtage des Forschungs-Kolloquiums v. Birgit Blättel-Mink

Klausurtage 2019 1

in der Alten Schule in Neu-Anspach

von links: Carolin Mauritz, Sophie Peter, Lukas Sattlegger, Luki Schmitz, Felix Brockmann, Birgit Blättel-Mink, Luigi Wenzl, Phil Stewart

Vom Sonntag, 17.2.19 bis Donnerstag, 21.2.19 waren Doktorand*innen des Schwerpunkts Industrie- und Organisationssoziologie gemeinsam mit Professorin Birgit Blättel-Mink auf Klausur in Neu-Anspach in der Neuen Schule. Ziele der Klausur waren, neben dem intensiven Austausch, sich die Zeit nehmen können für das Fertigstellen eines Kapitels der Dissertation, des intensiven Reflektierens über die geplante Forschungsmethode, oder die Abfassung des Exposés. Zudem bestand immer die Möglichkeit, sich miteinander oder mit der Betreuerin auszutauschen. Die Vollversorgung stellt zudem frei von Alltagsarbeiten. Die Klausur wurde von der Graduiertenschule des FB Gesellschaftswissenschaften finanziell unterstützt. Für 2020 ist eine weitere Klausur geplant.


Dissertationen

Commons als dialektisches Verhältnis - zwischen Emanzipationsbestrebungen und Vereinnahmungen

von Sarah Luki Schmitz

In meinem Dissertationsprojekt vollziehe ich eine Analyse der Debatten um Commons. Commons stellen materielle und immaterielle Ressourcen dar, die kollektiv verwaltet und genutzt werden. Die Spezifik liegt in dem politischen Ziel diese Güter aus ökonomischen Marktlogiken kapitalistischer Form herauszulösen und ihnen einen stärker bedürfnisorientierten Wert zu geben. Weltweit, und in ganz unterschiedlichen Facetten, kann dieses Phänomen beobachtet werden. Mich interessiert im Besonderen, ob es sich hierbei um einen gesellschaftlichen Ansatz für grundlegende Transformationen oder Ausdruck neo-liberaler Subjektansprache handelt. Dieses Spannungsfeld möchte ich mittels einer mehrstufigen Analyse ausloten. Beginnend mit einer immanenten Rekonstruktion und Analyse der Debattentexte selbst, sollen zentrale Argumentationsfiguren von Kritik, Lösung und Konzept herausgearbeitet werden. Daran anschließend werden diese Erkenntnisse miteinander und gegeneinander gelesen, um daraus theoretische Fragen und Lücken abzuleiten. In einem weiteren Schritt werden die Erkenntnisse verdichtet und abstrahiert, sodass eine Theoretisierung im Sinne einer gegenstandsbasierten Sozialforschung möglich wird.


Bildungsungleichheit(en). Die Bildungsungleichheitstheorien Boudons, Bourdieus und Luhmanns im Vergleich

von Luigi Wenzl

Die von der OECD durchgeführte international vergleichende PISA-Schulleistungsstudie registriert wiederholt, dass das deutsche Bildungssystem an sozialer Selektivität krankt Dass es ihrer meritokratischen Semantik strukturell hinterher zu galoppieren scheint, ist nicht erst seit den vergangenen und jüngsten nationalen wie internationalen Vergleichsstudien bekannt. In der Bildungswissenschaftlichen Forschung wird dieser Zusammenhang unter dem Referenzthema „Bildungsungleichheit“ zusammengefasst. Es zählt zu deren „Kernbestand“. Aktuelle Forschungsarbeiten fokussieren dabei die Frage, welche ungleichheitsrelevanten sozialen Gruppen im Bildungssystem identifiziert werden können und welche Prozesse und Mechanismen die Ungleichheits(re-)produktion erklären. Die Bemühungen diese Frage zu beantworten, ist wesentlich von einer Ausdifferenzierung unterschiedlicher Forschungstypen mit je eigenen, konkurrierenden Theoriereferenzen und Erklärungsansprüchen begleitet gewesen. Drei Theoriereferenzen sind für das Dissertationsprojekt von besonderer Bedeutung. Im quantitativen Bildungsungleichheitsforschungsmainstream ist die boudonsche sozialstruktursensible, soziologische rational choice theory die Zentraltheorie. In der qualitativen nimmt die (herrschafts- und machtsensible) praxeologische Feld-Habitus Theorie Bourdieus mittlerweile eine gewichtige Stellung ein. Neueren Datums ist eine differenzierungstheoretisch angelegte Bildungsungleichheitstheorie, die sich auf Luhmann beziehtt. Auffällig ist, dass die betreffenden Theorien weitestgehend unvermittelt nebeneinanderstehen. Wenn es zu Theorievergleichen kommt, erfolgen diese (vorwiegend) „konfrontativ“. Autor_innen neigen dabei nicht selten dazu, eigene Theoriepräferenzen zu bestärken und theoretische Missverständnisse zu produzieren. Das legt die Vermutung nahe, dass (neben methodologischen auch) theoretische Grenzziehungen in der Bildungsungleichheitsforschung konstatiert werden können. Das kann angesichts der aktuellen Forschungsdesiderate als unbefriedigend gelten. Der Versuch eines „komplementären“, nicht auf Theorienwettbewerb orientierten Theorievergleichs der drei Referenztheorien könnte hier ein Baustein sein, um bestehende Forschungsprobleme zu adressieren. Ein solcher Vergleichstyp aller drei Referenztheorien steht noch aus. Diese Forschungslücke ist Gegenstand des Dissertationsprojekts. Am Ende des so angelegten Theorievergleichs soll ein theorieübergreifendes Netzwerk konzeptioneller Verknüpfungen erarbeitet werden, die es erlauben, theorieimmante „blinde Flecken“ zu adressieren und bearbeiten zu können


(Re-)Working Plastic Packaging

- An Ethnographic Inquiry on the Role of Packaging in Workplace and Market Practices along the Food Supply Chain

von Lukas Sattlegger

Lebensmittelverpackungen aus Plastik sind sowohl alltäglicher Bestandteil moderner Alltagskultur, als auch Inbegriff von Ressourcenverschwendung und Wegwerfkultur. Als Hauptquelle von Plastikmüll bilden sie den Ausgangspunkt meiner Untersuchung zu Sachzwängen und Beharrungskräften des Verpackungssystems. Anhand einer praxistheoretischen Analyse von unterschiedlichen Arbeitssettings gehe ich der Frage nach, welche Rolle Verpackung in Praktiken der Lebensmittelversorgung spielt und was ihre systematische Reduktion und Vermeidung so schwierig macht. In Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen entlang der Produktkette (von Produzenten über Großhändler bis hin zum Einzelhandel) kombiniert das Forschungsprojekt eine detaillierte ethnographische Analyse von Verpackungsfunktionen in Praktiken der Lebensmittelversorgung mit einer transdisziplinären Entwicklung von Vermeidungsstrategien. Dabei wird die Analyse konkrete Praktiken der Verpackungsverwendung durch einen Fokus auf Relationen, Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Praktiken entlang der Versorgungskette ergänzt. Besonderes Augenmerk liegt auf der Verbindungs- und Kommunikationsfunktion von Verpackungen in ausdifferenzierten Lebensmittelketten. Anhand identifizierter Sachzwänge und Beharrungskräfte werden schließlich Möglichkeitsräume und Umsetzungsprozesse der Verpackungsvermeidung in den Fokus genommen. Anhand alternativer Innovationen wie dem „Unverpackt“-Konzept erforsche ich wie Verpackungsvermeidung trotz der Dominanz des Einwegverpackungssystems praktiziert wird und was es für Erfolg und Verbreitung solcher Vermeidungspraktiken braucht.

Die Dissertation ist Teil der interdisziplinären Nachwuchsforschungsgruppe PlastX die sich mit verschiedenen sozialen und ökologischen Dimensionen des Phänomens „Plastik in der Umwelt“ beschäftigt.

Weiterführender Link: https://www.isoe.de/lehrenachwuchs/nachwuchsgruppe/


Soziokulturelle Dynamiken von Ökosystemleistungen

– Wie viel Risiko ist sozial akzeptabel?

von Sophie Peter

Das Projekt Sozio-kulturelle Dynamiken von Ökosystemleistungen ist Teil des Projekts Upscaling Biodiversity-Ecosystem Function relationships in real-world landscapes der Biodiversitäts-Exploratorien.[1] Dieses wird seit 2006 von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) gefördert. Über 300 Untersuchungsflächen sind auf drei deutsche Regionen aufgeteilt: Die UNESCO-Biosphärenreservate Schorfheide-Chorin und Schwäbische Alb sowie auf den Nationalpark Hainich-Dün. Themenschwerpunkte sind die Aspekte biologischer Vielfalt in Wald und Grünland (weitere Informationen auf www.biodiversity-exploratories.de).

Das Projekt Upscaling Biodiversity-Ecosystem Function Relationships in Real-World Landscapes beschäftigt sich mit der Intensität und Multifunktionalität der Landnutzung. Fragen danach, wer das Land nutzt und warum bleiben hingegen offen. Diese Fragen stehen im Fokus des Promotions-Projekt Soziokulturelle Dynamiken von Ökosystemdienstleistungen. Das übergeordnete Ziel besteht darin, das Konzept der Ökosystemleistungen aus einer soziologischen Perspektive zu untersuchen. Dies soll Erkenntnisse darüber geben, welche Motivationen der Nutzung von Ökosystemleistungen unterliegen und um zu verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, ihre Nachfrage zu verändern. Noch konkreter geht es um die Frage, inwieweit globale Risiken, wie der Klimawandel oder der Biodiversitätsverlust, in die Nutzungspräferenz und -entscheidung, und den Wandel derselben, eingehen.

 Email: sophie.peter@senckenberg.de

[1] Projektleiter sind Dr. Pete Manning und Dr. Gaetane Le Provost von Senckenberg Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrum


Fremdheit in Organisationen

– Über die Formierung individueller und institutionalisierter Bewältigungsmodi in Organisationen 

von Christoph Rauner-Lange

Das Dissertationsvorhaben nimmt die seit 2013 verstärkt eingesetzten Migrationsbewegungen zwischen Ländern des Globalen Südens und Ländern des Globalen Nordens zum Anlass, den Umgang mit Fremdheit in Betrieben und Unternehmen zu untersuchen. Hier liegt die Beobachtung zugrunde, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen im Umgang mit Fremdheit – xenophoben sowie solidarischen Entgegnungen – in Betrieben und Organisationen wiederfinden lassen. In beiden Formen der Entgegnung scheint Fremdheit bestehende Ordnungen von Betrieben und Unternehmen, in Anlehnung an die Systemtheorie Niklas Luhmanns verstanden als soziale Systeme, zu irritieren und vor Herausforderungen bei der Entscheidung für einen Umgang damit zu stellen; im Fokus des Vorhabens steht daher das Erkenntnisinteresse, wie sich der Umgang mit Fremdheit auf die Ausgestaltung sozialer Beziehungen in einer Organisation auswirkt?  

Der Untersuchung wird sich durch die Frage nach individuellen und institutionalisierten Bewältigungsmodi, die den Umgang mit Fremdheit prägen, genähert. Dabei wird in Anlehnung an Arbeiten des Soziologen Theodore Schatzki und des Psychoanalytikers Stavros Mentzos davon ausgegangen, dass soziale Praktiken sowie Abwehrmechanismen das sozio-emotionale Erleben und Verarbeiten von Fremdheit anleiten. Die dabei entwickelten Bewältigungsmodi können sich wiederum auf Ordnungsprozesse in Organisationen auswirken. 

Das Vorhaben ist als eine qualitative Intensivfallstudie angelegt; als eine geeignete Methode wird der Ansatz zur Analyse betrieblicher Lebenswelten der Bremer Sozialforscherinnen und -forscher um Birgit Volmerg und Eva Senghaas-Knobloch erachtet. Der Ansatz ermöglicht den Einsatz und die Kombination unterschiedlicher qualitativer Methoden zur Untersuchung organisationaler Veränderungsprozesse und deren Auswirkungen auf das sozio-emotionale Erleben der Organisationsmitglieder.

 


Governance und Übergänge in die Pflege

Eine International vergleichende Studie zur Regulierung von Übergängen in die Pflegebedürftigkeit im höheren Alter zwischen Deutschland und den USA

von Miriam Lehnert

 Die vorliegende Arbeit wird im Rahmen des kooperativen DFG-Graduiertenkollegs ‚Doing Transitions-Formen der Gestaltung von Lebensläufen‘ der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Eberhard Karls Universität Tübingen verfasst, in dem der Frage nachgegangen wird wie auf den drei Ebenen (Diskurse, Institutionen und Individuen) Übergänge quer zu den Lebensaltern gestaltet und hergestellt werden. Im Rahmen dieses Forschungskontextes befasst sich die Dissertation, unter Bezugnahme auf die Analyse der institutionellen Ebene und den theoretischen Perspektiven der Governance-Forschung, mit der Regulierung von Übergängen in die stationäre Pflege im höheren Alter. Unter einer International vergleichenden Perspektive zwischen den Regionen Hessen und Wisconsin soll nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Regulierung von Übergängen in die Pflegebedürftigkeit im hohen Alter gefragt werden. Anhand qualitativer Interviews mit involvierten Akteuren im Steuerungsprozess (Staat, Markt, Familie) und Dokumentenanalyse soll herausgearbeitet werden wie die unterschiedlichen Kontexte der Governance-Regimes (marktorientiertes vs. sozialversicherungstraditionelles) die Regulierung und die Gestaltung des Übergangs in die stationäre Pflegebedürftigkeit auf lokaler Ebene prägen und welche spezifischen Akteursbeziehungen daraus resultieren.

Weiterführend soll danach gefragt werden ob und inwiefern die Regulierung und Steuerung von Übergängen in die stationäre Pflege im höheren Alter und die daraus resultierenden spezifischen Akteursbeziehungen Dynamiken der sozialen Ungleichheit (re-)produzieren

Weiterführender Link: https://www.doingtransitions.org/


Bildungschancen in Zeiten doppelter Verunsicherung

Bildungs- und Erwerbsperspektiven Geringqualifizierter in prekären Beschäftigungsverhältnissen

von Sophie Westenberger

Ausbildungslosigkeit stellt ein soziales Stigma dar, welches den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt erschwert (Vgl. Solga 2002). Die beruflichen Anforderungen an Geringqualifizierte auf dem Arbeitsmarkt sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Mit den veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen wächst auch die Herausforderung, als Person ohne anerkannten Berufsabschluss eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden und zu halten.

Bildung, so Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron (1971), ist von der frühzeitigen Orientierung und dem familiären Milieu abhängig. Der Habitus prägt das Gespür für den richtigen Platz im Bildungssystem und reproduziert dabei die Klassenbeziehungen. Aufbauend auf diesen Ansatz untersucht die Arbeit, wie Beschäftigte ohne Berufsausbildung in prekären Lebensverhältnissen mit Bildungs- und Entwicklungsangeboten in individualisierten Gesellschaften umgehen. Die Prekaritätsdebatte zeigt, dass je nach individueller Lebenssituation Prekarität zu Unsicherheit und materiellem Mangel, zu Anerkennungsdefiziten sowie zur Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen führen kann (Vgl. Robert Castel/ Klaus Dörre 2009). In ähnlicher Form schließt die Stigmatierungsthese nach Heike Solga (2002) daran an. Geringqualifizierte nehmen aufgrund der äußeren Stigmatisierung eine Selbstselektion vor, die sich dadurch äußert, dass sie sich seltener auf qualifizierte Arbeit bewerben. Es entwickeln sich homogenere Milieus, die einen Anschluss an qualifizierte Tätigkeiten erschweren.

Mit einer Analyse der biographischen Verläufe von geringqualifizierten Beschäftigten soll anhand von Interviews untersucht werden, ob durch Ausbildungslosigkeit und prekäre Lebensumstände (Klaus Krämer 2008) reguläre Planungs- und Sicherheitsmechanismen ausgesetzt werden, die zu einer doppelten Verunsicherung führen können, sodass (mittelfristig angelegte) Qualifizierungen kaum umsetzbar und lohnend erscheinen. Daran anschließend stellt sich die Frage, wie Individuen mit dieser Situation umgehen und welche beruflichen und qualifikatorischen Perspektiven sich daraus ergeben.

Diese Arbeit verbindet die Debatte um Prekarität mit bildungssoziologischen Ansätzen und möchte einen Beitrag zu der Forschung um geringqualifizierte Beschäftigte leisten. Sie untersucht eine Zielgruppe, die an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt und in der Vergangenheit nur selten im Fokus der Forschung und des gesellschaftlichen Diskurses stand.

 


Rationalisierung im Konsum. Eine ethnographische Studie von Konsumpraktiken am Beispiel von Frankfurt am Main

von Dirk Dalichau

Ausgangspunkt der Arbeit sind Prozesse der Filialisierung im Einzelhandel. Konstatiert wird häufig eine Monotonisierung, Standardisierung oder Homogenisierung als Ergebnis einer Zunahme von Filialisierung im Konsumbereich. Homogenisierte Innenstädte mit den immer selben Konsumangeboten sind die häufig festgestellte Folge. Standardiserung von Konsumkontexten (im Zuge von Filialisierung) lässt sich als 'Rationalsierung im Konsum' verstehen. Teil einer Debatte um die beschriebene Form der 'Rationalisierung im Konsum' ist die Frage, inwiefern diese Rationalisierung auch mit Auswirkungen auf die Konsumentinnen und Konsumenten einhergeht. Lassen sich Auswirkungen auf ihr Konsumhandeln feststellen? Unterscheidet sich das Konsumhandeln der Konsumentinnen und Konsumenten in filialisierten Konsumkontexten von dem Konsumhandeln in nicht-filialisierten Konsumkontexten? Gleichsam wird zusammen mit der Standardisiserung von Konsumkontexten eine Zunahme sogenannter "Erlebnisse" im Konsumbereich festgestellt. Die Verwendung von 'Inszenierungen', mit dem Ziel der Generierung von Erlebnissen, scheint für Unternehmen im Konsumbereich eine erfolgversprechende Form der Diversifikation im Vergleich zu den Mitbewerbern zu sein und steht damit - auf den ersten Blick - dem eingangs angesprochenen Prozess entgegen. Dennoch wurden auch für den Prozess der 'Inszenierung' gleichförmige, standardisierte Formen identifiziert. Kommt den 'Inszenierungen' ein (weiterer) Einfluss auf das Konsumhandeln zu? Die Forschungsarbeit fokussiert auf das Konsumhandeln, reduziert auf den Prozess des Einkaufens. Von Interesse sind dabei jedoch nicht die Einstellungen und Motive der Konsument/innen, sondern es sind die Handlungen als solche. Die theortische Fundierung findet daher über den Ansatz 'sozialer Praktiken' statt. Die Konsument/innen sind dabei 'lediglich' Träger/innen der sozialen Praktiken. Die empirische Untersuchung möglicher Unterschiede in den (Konsum-) Praktiken findet über eine ethnographische Studie statt. Instrumente dieser ethnographischen Studie sind die teilnehmende Beobachtung ergänzt um Spontaninterviews und Experten/innen-Interviews, letztere mit Vertreter/innen von Gewerbevereinen. Als zusätzliches Material werden zahlreiche Dokumente zu den Fallbeispielen sowie relavante Webauftritte herangezogen. Weiterhin dient eine eigens ins Leben gerufene Website als Möglichkeit, dass Konsument/innen online von ihren Konsumerfahrungen berichten (MainKauf - www.mainkauf.de). Als Fallbeispiel dienen vier Einkaufsstraßen in Frankfurt am Main. Diese Einkaufsstraßen unterscheiden sich massiv in ihrem Filialisierungsgrad und bilden daher ein ideals Praxisfeld zur Untersuchung möglicher Unterschiede in den Konsumpraktiken. In diesen vier Einkaufsstraßen werden in insgesamt 80 Ladengschäften die Konsumpraktiken der Kund/innen beobachtet und analysiert. Ergebnis ist eine Typologie der Konsumpraktiken innerhalb des Fallbeispiels der Einkaufsstraßen in Frankfurt am Main.



Interpretativer Theorievergleich. Entwicklung und Anwendung eines Vergleichsmodells am Beispiel zweier Theorien der Legitimation.

von Merle Hattenhauer

Die Arbeit untersucht den Institutionalismus von Peter L. Berger und Thomas Luckmann sowie die Rechtfertigungssoziologie von Luc Boltanski und Laurent Thévenot. Ihr Ziel ist es, durch einen Theorievergleich Indizien für die These zu finden, die Rechtfertigungssoziologie sei nur ein Spielart oder bestenfalls eine elaboriertere Variante des Institutionalismus. Im ersten Teil der Arbeit wird vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Debatte um Theorievergleiche in der Soziologie die Notwendigkeit betont, ein Methodenreservoir für die Forschung an Theorien zu entwickeln. Ähnlich, wie die empirische Sozialforschung über ein breites Instrumentarium verfügt, aus welchem je nach Forschungsfrage und Forschungsgegenstand das angemessene Werkzeug ausgewählt werden kann, ist die Entwicklung eines ebensolchen Instrumentariums für die Forschung an Theorien wünschenswert. Dies ist bislang noch nicht geschehen. Im zweiten Teil wird vor dem Hintergrund einer kritischen Würdigung vorliegender Verfahren für Theorievergleiche ein Modell für einen interpretativen Theorievergleich entwickelt – für einen Vergleich von Theorien also, die dem interpretativen Paradigma der Soziologie zugerechnet werden können. Im dritten Teil der Arbeit kommt dieses Modell am Beispiel des Institutionalismus und der Rechtfertigungssoziologie zur Anwendung.



Individualisierung als Lebensstrategie. Theoretische und empirische Annäherungen an ein aktuelles Phänomen

von Bettina-Johanna Krings

Ulrich Becks Arbeiten zu Individualisierungsprozessen in den 1980er Jahren wurde in der Literatur als wichtige Gegenwartsdiagnose der BRD gewertet und vielseitig (kontrovers) diskutiert.

Die vorliegende Arbeit versteht sich als einen (weiteren) Beitrag im Rahmen dieser Debatte der Individualisierungs-These vor dem Hintergrund der Beschreibung aktueller Trends in modernen Gesellschaften. Im Rahmen dieses Kontextes wird die übergeordnete Forschungsfrage gestellt, wie Menschen mit der Erwartung steigender Individualisierungsanforderung umgehen und welche Strategien sie hierbei entwickeln, um mit diesen Anforderungen umzugehen.

Im Kontrast zur Problemorientierung der durch Ulrich Beck vorgetragenen Gesellschaftsdiagnose wird diese Fragedimension im vorliegenden Dissertationsvorhaben jedoch offen gehalten und einer qualitativ ausgerichteten Überprüfung unterzogen. Der spezifische Blick auf die „Einzelhaftigkeit“ (Poferl 2010) von Individuen soll hierbei herausfinden, wie und vor welchen Deutungsspielräumen die Menschen ihre individuelle Lebenssituation interpretieren und gegebenenfalls auch bewältigen.

Die hierbei gestellten Annahmen weisen auf die multiplen Lebensoptionen in modernen Gesellschaften hin und fragen danach, wie und in welcher Form die Menschen eine „Kunst des Handelns“ entwickeln können, um den Erwartungen der Individualisierung Genüge zu leisten.



Ökonomie – Politik – Gesundheit: Eine Annäherung an die Ökonomisierung des Gesundheitswesens aus der Perspektive kritischer Gesellschaftstheorie

von Robin Mohan

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens, die sich in den letzten Jahren in vielfältiger Gestalt beobachten ließ und immer wieder mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, stellt aktuelle Gesellschaftstheorien vor zentrale Probleme. Während kapitalismustheoretisch fundierte Gesellschaftstheorien kaum ein begriffliches Instrumentarium besitzen, um die Eigenlogik der unterschiedlichen nicht-ökonomischen Sphären zu begreifen, die zunehmend ökonomisiert werden, stellt es für Theorien funktionaler Differenzierung eine Herausforderung dar, die kaum mehr zu übersehende Dominanz des Ökonomischen zu denken.

Im ersten Teil werden verschiedene Ansätze diskutiert, beide Strömungen der Gesellschaftstheorie in Dialog zu bringen. Um die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die Widersprüche begreifen zu können, die entstehen, wenn ökonomische und gesundheitsorientierte Handlungslogiken – vermittelt durch staatliche Regulierungsmaßnahmen – aufeinanderprallen, wird im zweiten Teil das Forschungsprogramm einer Stufentheorie sozialer Differenzierung aufgegriffen, wie es im Kontext der sogenannten Neuen Marx-Lektüre entstanden ist. Im Mittelpunkt steht hier die Entwicklung eines Begriffs von kapitalistischer Gesellschaft, der sowohl die Dominanz des Ökonomischen verständlich macht als auch eine Konzeption funktionaler Differenzierung enthält. Die Interpretationskraft des so entwickelten Begriffs von Gesellschaft wird in einem dritten Teil überprüft, indem er mit empirisch erhobenem Erfahrungswissen von Akteuren im Gesundheitswesen konfrontiert wird. In einer qualitativ angelegten Untersuchung wird danach gefragt, inwiefern das Aufeinanderprallen der differenten Logiken sich bei Ärzt_innen und Pflegekräften in Krankenhäusern als Konflikt zwischen berufsethisch-normativer Handlungsorientierung und ökonomischen Anforderungen geltend macht und wie dieser Konflikt aktuell wahrgenommen und alltagspraktisch bearbeitet wird.

Ziel der Arbeit ist es also, die Diskussion über die Ökonomisierung des Gesundheitswesens einerseits gesellschaftstheoretisch einzubetten und andererseits – umgekehrt – gesellschaftstheoretische Debatten durch die Konfrontation mit der Empirie weiterzutreiben.



Die Verbindung von Arbeit und Leben – Anerkennung in einem erweiterten Verständnis von Arbeit

von Linda Nierling

In der sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Arbeit ist die Diagnose der „Krise der Erwerbsarbeit“ seit den letzten dreißig Jahren ein immer wieder kehrendes Motiv. Allerdings hat trotz aller „krisenhaften“ Befunde Erwerbsarbeit ihre zentrale Rolle in der Gesellschaft nicht eingebüßt. Vielmehr bleibt sie Gradmesser für gesellschaftliche Teilhabe und Status und wirkt mehr und mehr bestimmend für die Ausbildung der personalen Identität. Die Dissertation knüpft an Debatten der 1980er und 1990er Jahre an, in denen die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ vor dem Hintergrund schwindender Industriearbeit breit verhandelt wurde. In diesen Debatten wurde Erwerbsarbeit in ihrer Bedeutung als zentraler gesellschaftlicher Integrationsmodus grundsätzlich in Frage gestellt. Bei der Suche nach Alternativen, um der Krise zu begegnen, kamen unbezahlte Arbeitsformen wie Familienarbeit, Ehrenamt und Eigenarbeiten als bisher unbeachtete Ressourcen für ein „neues“ Verständnis von Arbeit in den Blick, wodurch die hohe individuelle und gesellschaftliche Bedeutung der Erwerbsarbeit sowohl ideell als auch zeitlich zugunsten von Nicht-Erwerbsarbeit relativiert werden sollte. [...]

Weiterführender Link: http://www.itas.kit.edu/promovieren_nier06_diss.php