Forschungsschwerpunkte

I. Studien zur Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert

Gegenstand dieses Forschungsschwerpunktes ist die geschichtliche Entwicklung des sozialwissenschaftlichen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert. Seine Erforschung geschieht dabei sowohl unter theoriegeschichtlichen als auch unter systematischen Gesichtspunkten. Es wird dabei von der Hypothese ausgegangen, daß eine unter wissenschaftslogischen und wissenschaftssoziologischen Gesichtspunkten stattfindende Rekonstruktion der eigenen Fachgeschichte ihrerseits einen konstitutiven Bestandteil der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung darstellt. Theoriekonstruktionen und -rekonstruktionen werden dabei als Teil eines historischen und sozialen Gesamtprozesses verstanden, dessen verborgene Logik insbesondere die verschiedenen Varianten der modernen Wissenssoziologie zu entschlüsseln versuchen. Anhand von einzelnen Fallstudien wird die historische und gesellschaftliche Bedingtheit des modernen sozialwissenschaftlichen Denkens deutlich gemacht. Ferner wird untersucht, in welcher Weise grundlegende theoretische Paradigmen der modernen Sozialwissenschaften selbst an der "gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit" beteiligt sind und welche Interessen sie dabei möglicherweise bedienen. Auf diesem Weg soll die wiederholt geäußerte Ansicht plausibilisiert werden, daß eine "Theorie der Gesellschaft" heute letztlich nur noch in einer strikt wissenssoziologischen, d.h. selbstreflexiven Form möglich ist.

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II. Sozialwissenschaftliche Klassiker

Neben dieser dezidiert wissenssoziologischen Zugangsweise zur Geschichte des sozialwissenschaftlichen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert stellen aber auch immanente Rekonstruktions- und Systematisierungsversuche des jeweiligen Werkes der einzelnen sozialwissenschaftlichen Klassiker eine wichtige Quelle des fachwissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes dar. Diesbezügliche Bemühungen konzentrieren sich dabei insbesondere auf das Werk von Georg Simmel, Max Weber und Karl Mannheim. In der internationalen Max-Weber-Forschung hat sich diesbezüglich die historisch-kritische Edition seiner Schriften im Rahmen der Max-Weber-Gesamtausgabe als eine wichtige Quelle des Erkenntnisfortschritts erwiesen. Ein in diesem Zusammenhang in Angriff genommenes Arbeitsvorhaben geht dabei von der werkgeschichtlich untermauerten Hypothese aus, daß Max Weber im Laufe seines Lebens zwei verschiedene soziologische Ansätze - nämlich eine "entwicklungsgeschichtliche" und eine "individualistische" Richtung der Soziologie - vertreten hat, die in der diesbezüglichen Sekundärliteratur bisher nicht zureichend voneinander unterschieden wurden. Um eine entsprechende Korrektur der bisher üblichen Deutungen seines Werkes herbeizuführen, werden zum einen die von Max Weber im Laufe seines Lebens vertretenen kultur- und sozialwissenschaftlichen Ansätze einander gegenübergestellt und miteinander verglichen. Zum anderen wird eine Antwort auf die Frage gesucht, ob Max Webers Werk tatsächlich zu Recht von zwei verschiedenen Richtungen der Soziologie in Anspruch genommen werden kann, oder ob es möglich ist, die von ihm vertretenen soziologischen Ansätze im Rahmen einer übergreifenden werkgeschichtlichen Fragestellung miteinander zu verbinden.

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III. Interdisziplinäre Grundlagenprobleme der modernen Sozial- und Kulturwissenschaften

Seit einiger Zeit sind in verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen Bestrebungen festzustellen, für die Entwicklung eines allgemeinen kulturwissenschaftlichen Bezugsrahmens auch zentrale Grundbegriffe, Theorien und Forschungsmethoden der modernen Sozialwissenschaften mit einzubeziehen. Ziel dieses Integrationsversuches ist dabei nicht selten die Etablierung einer "Kulturwissenschaft" im Singular, die als neue Metawissenschaft die herkömmliche Einteilung der verschiedenen natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen bewußt in Frage stellt. Im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes wird in Form einzelner Fallstudien der Frage nachgegangen, ob es tatsächlich spezifische kulturwissenschaftliche Traditionen innerhalb der Sozialwissenschaften gibt, die sich für ein solches Vorhaben anbieten oder ob es nicht vielmehr sinnvoll ist, die Selbständigkeit der modernen sozialwissenschaftlichen Forschung gegenüber solchen allgemeinen kulturwissenschaftlichen Ambitionen zu verteidigen. Es handelt sich dabei um Fallstudien, die zentrale Probleme einer Klassifikation der einzelnen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen zum Gegenstand haben und die auch für die fachwissenschaftliche Beurteilung neuerer kulturwissenschaftlicher Forschungs- und Lehrprogramme von Relevanz sind.

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IV. Selbstbeschreibungen moderner Gesellschaften im synchronen und diachronen Vergleich

Im Rahmen eines historischen und systematischen Vergleichs von verschiedenen Versuchen der Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen unterscheiden, die nicht ohne weiteres miteinander kompatibel sind. Die eine Form der Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften ist primär auf ihre sozialstrukturellen Besonderheiten konzentriert, die andere dagegen auf ihre kulturellen Manifestationen im weitesten Sinn. Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnosen ist in der Regel die "Sozialstruktur" moderner Gesellschaften, die der geistes- und kulturwissenschaftlichen Zeitdiagnosen dagegen deren "Kultur".
Entsprechende Fallstudien, die seit einiger Zeit im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes durchgeführt werden, tragen diesem Dualismus Rechnung, ohne ihn jedoch für unüberwindlich zu halten. Denn zum einen ist es die Modernitätssemantik selbst, deren historische Entwicklung nur im Rahmen einer interdisziplinären Vorgehensweise erforscht werden kann. Zum anderen ist jener Gegenbegriff zu dem der "Kultur", von dem die sozialwissenschaftlichen Versuche zu einer Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften in der Regel ausgehen, inzwischen selbst in eine auffällige Krise geraten: nämlich der der "Gesellschaft". In der neueren sozialwissenschaftlichen Diskussion über den Prozeß der Globalisierung ist zum Beispiel wiederholt der Vorwurf geäußert worden, daß das bisherige soziologische Verständnis von Gesellschaft an einem nationalstaatlichen Bezugsrahmen orientiert gewesen sei und folgerichtig mit der Krise des Nationalstaates selbst in Mißkredit geraten sei. Dem steht die von prominenten Theoretikern wie Niklas Luhmann vertretene Auffassung gegenüber, daß zumindest in bezug auf die moderne Gesellschaft der Gesellschaftsbegriff ohnehin nur einmal vergeben werden könne und mithin mit dem Begriff der "Weltgesellschaft" identisch sei. Die an diese aktuelle Kontroverse anschließenden begriffsgeschichtlichen und wissenssoziologischen Studien, die innerhalb dieses Forschungsschwerpunktes durchgeführt werden, gehen dabei von der Frage aus, ob es heute überhaupt noch möglich bzw. sinnvoll ist, eine gesellschaftstheoretische Integration der modernen Sozialwissenschaften anzustreben oder ob es nicht vielmehr ratsam ist, auf den ohnehin stark idiologisch belasteten Begriff der "Gesellschaft" in Zukunft gänzlich als terminus technicus zu verzichten. Zu diesem Zweck werden sowohl jene klassischen als auch zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Ansätze einander gegenübergestellt, in denen diese Auseinandersetzung um den Gesellschaftsbegriff exemplarisch zum Ausdruck kommt. Es wird dabei von der Hypothese ausgegangen, daß die Analyse von Globalisierungsprozessen zwar nicht notwendig auf die Existenz eines gesellschaftstheoretischen Bezugsrahmens angewiesen ist, daß aber innerhalb der Geschichte der modernen Sozialwissenschaften dem Gesellschaftsbegriff nicht zufällig immer wieder zugleich "weltgesellschaftliche" Implikationen zugesprochen worden sind. Insofern kann die nationalstaatliche Verengung des Gesellschaftsverständnisses als eine heute allmählich zu Ende gehende Episode innerhalb des Nachdenkens über die Formen des menschlichen Zusammenlebens betrachtet werden.

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V. Studien zur soziologischen Ästhetik und zur gesellschaftlichen Funktion der Kunst

In den letzten Jahren wird immer mehr über eine Ästhetisierung des Alltags und der Lebenswelt gesprochen. Damit ist die Zeitdiagnose gemeint, dass die Subjekte in der gegenwärtigen modernen Gesellschaft sich immer mehr nach ästhetischen Aspekten statt nach einer zweckorientierten bzw. pragmatischen Einstellung richten. Nicht nur in der Diskussion über die Ästhetisierung des Alltags, sondern auch - und damit verbunden - in der Debatte über Postmoderne und Moderne wird der Ästhetik eine zentrale Rolle beigemessen.
Gegenstand des Forschungsschwerpunktes ist einerseits die Untersuchung über die verschiedenen Wege und Programme der Stilisierungen des Alltags angesichts der ästhetischen Überformung der Gesellschaft. Andererseits steht die Auseinandersetzung mit  Theorien im Fokus, die soziologisch den Umstand zu erfassen versuchen, dass nicht nur die Gesellschaft ästhetisch überformt ist, sondern dass auch Kunst immer schon gesellschaftlich geprägt ist. Die Reflexion über gesellschaftliche Tatsachen lässt sich in diesem Kontext auch und gerade an Werken der Kunst (und den damit verbundenen Analysen) vornehmen. Darin zeigt sich die Anschlussfähigkeit an die Traditionen soziologischer Kunstdiagnose.
Studien im Rahmen des Forschungsschwerpunktes thematisieren also sowohl die Ästhetik(en) der Gesellschaft - als auch die gesellschaftliche Bedingtheit der Ästhetik.

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