Laufende Forschungsprojekte und Kooperationen


Cryosocieties

Suspended Life - Exploring Cryopreservation Practices in Contemporary Societies

Förderung:    Europäischer Forschungsrat (ERC Advanced Grant)
Laufzeit:   April 2019 bis März 2024
Projektleitung:   Prof. Dr. Thomas Lemke
Projektmitarbeiter/innen:       Dr. Sara Lafuente Funes, Veit Braun, Ruzana Liburkina 

Die Kryobiologie hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Aufschwung erfahren. Immer mehr Arten von Gewebe und zelluläres Material können eingefroren, gelagert und wieder aufgetaut werden, ohne einen nachweisbaren Verlust an Vitalität. Heute stellen kryobiologische Praktiken nicht nur eine wichtige infrastrukturelle Bedingung für viele medizinische Anwendungen und einen wesentlichen Motor biowissenschaftlicher Innovationen dar, sondern sie bilden zentrale Optionen für individuelle Reproduktionsentscheidungen ebenso wie die Erhaltung der globalen Biodiversität.

Das Projekt Cryosocieties untersucht die Auswirkungen der Kryokonservierung auf unser Verständnis des Lebens. Es geht von der These aus, dass kryobiologische Praktiken eine spezifische Form des Lebens hervorbringen, die wir „suspendiertes Leben“ oder im Englischen „suspended life“ nennen. Sie hält vitale Prozesse in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, in welchem die biologischen Substanzen weder völlig lebendig noch gänzlich tot sind. Ziel des Projekts an der Schnittstelle zwischen Biologie, Soziologie und Technik ist es zu untersuchen, wie Kryopraktiken zeitliche und räumliche Beziehungen und Konfigurationen sowie unser Verständnis von Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, (Un-)Fruchtbarkeit und Nachhaltigkeit verändern. Thomas Lemke und sein Team werden in drei verschiedenen Kontexten untersuchen, wie „suspendiertes Leben“ in aktuellen Praktiken der Kryokonservierung hervorgebracht wird. Die Teilprojekte befassen sich mit dem Einfrieren von Nabelschnurblut als Vorbereitung auf spätere regenerative Therapien, mit der Kryokonservierung von Eizellen für Reproduktionszwecke sowie mit dem Aufbau von Kryobanken für den Erhalt bedrohter oder bereits ausgestorbener Tierarten.


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LaSST

Lab for Studies of Science and Technology

The Lab for Studies in Science and Technology (LaSST) is an interdisciplinary research network established in 2019. It brings together sociological, anthropological and geographical expertise to investigate the complex challenges of technoscientific developments in contemporary societies. LaSST is dedicated to initiating collaborative projects in teaching and research, and aims at coordinating the activities of scholars working on science and technology at Goethe University in Frankfurt am Main and beyond.

LaSST hosts the MA program “Science and Technology Studies: Economies, Governance, Life” at the Goethe University Frankfurt. The program is coordinated by the Institute of Cultural Anthropology and European Ethnology, and invites students from inside and outside of Germany to apply.

Another important activity of LaSST is the ‘Frankfurt Kitchen STS’– a discussion group that brings together sociologists, cultural anthropologists, political scientists, human geographers, literary scholars, historians of science and others interested in old debates and new developments in Science and Technology Studies. The name has (at least) two components. First, it refers to the location of the meetings: the kitchen area of the Sociology Department at the Goethe University (PEG 3G 204). Second, it alludes to the famous Frankfurt Kitchen: a political technology that serves as a constant reminder that in design oppression and liberation are hardly ever separable from each other. The ‘Frankfurt Kitchen STS’ is not a reading group; rather, it provides space for engaging in discussions about STS with the help of guests, texts and other materials.


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Die Personalisierung der Depression

Voraussetzungen, Dynamiken und Implikationen der psychiatrischen Biomarker-Forschung

Förderung:       Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit:   Januar 2017 bis Dezember 2019
Projektleitung:   Prof. Dr. Thomas Lemke
Projektmitarbeiter/innen:      Jonas Rüppel, Laura Schnieder

 
Die psychiatrischen Forschung und Praxis orientiert sich zunehmend am Leitbild einer Personalisierten Psychiatrie. Ziel dieser Rekonfiguration psychiatrischen Wissens ist es, Diagnosen, Prognosen und Therapien nicht mehr am subjektiven Erleben und dem Verhalten der Patient*innen auszurichten, sondern sie auf deren spezifische biologische Eigenschaften abzustimmen. Grundlage dafür ist eine Differenzierung der Patient*innen anhand sog. Biomarker. Dies sind objektiv messbare biologische Parameter, die als Indikatoren für pathologische Prozesse oder für Reaktionen auf therapeutische Interventionen dienen. Erste Biomarker-Tests sind bereits verfügbar, weitere befinden sich in der klinischen Erprobung.

Das Forschungsvorhaben nimmt eine theoretisch fundierte und empirisch gesättigte Analyse des Projekts einer Personalisierten Psychiatrie vor. Im Mittelpunkt steht die explorative Untersuchung der Voraussetzungen, Dynamiken und Implikationen der psychiatrischen Biomarker-Forschung am Beispiel der Depression. Das Projekt geht von der These aus, dass die zunehmende Ausrichtung an Biomarkern in der Depressionsforschung nicht nur das professionelle Selbstverständnis der Psychiatrie verändert und ihre disziplinären Grenzen verschiebt, sondern auch neue institutionelle Strukturen und Handlungslogiken hervorbringt und gesellschaftliche Deutungsmuster von Krankheit und Gesundheit, Psyche und Körperlichkeit verschiebt.

Methodisch orientiert sich das geplante Projekt am Forschungsstil der Situationsanalyse. Mittels Dokumenten- und Medienanalysen, Expert*inneninterviews und Ethnographien psychiatrischer Konferenzen sollen erstmals die vielfältigen technischen Voraussetzungen und forschungspraktischen Kontextbedingungen des Projekts einer Personalisierten Psychiatrie sowie die mit ihm verbundenen Erwartungen, Hoffnungen und Ängste soziologisch in den Blick genommen werden. In theoretischer Hinsicht zielt das Projekt auf die Konturierung einer Soziologie psychiatrischen Wissens, die einerseits an Michel Foucaults Analytik der Regierung und andererseits an die interdisziplinären Science and Technology Studies anschließt. Neben einem substanziellen Beitrag zur historischen Ontologie der Depression verspricht das Projekt eine konzeptuelle Schärfung und theoretische Weiterentwicklung des Begriffs der Biomarkerisierung. Über diese wissenschaftlichen Zielsetzungen hinaus verspricht das Vorhaben auch zur gesellschaftlichen Selbstverständigung über das Projekt einer Personalisierten Psychiatrie beizutragen.


Anlageträger

Genetisches Wissen und die Entstehung einer neuen biosozialen Identität

Förderung:        Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit:   November 2015 bis April 2020
Projektleitung:   PD Dr. Peter Wehling

Das Vorhaben untersucht, ob und inwieweit gegenwärtig aus dem Zusammenwirken von genetischem Wissen, neuartigen biomedizinischen Technologien, wissenschaftlich-politischen Diskursen und kommerziellen genetischen Testangeboten eine neue biosoziale Identität und Personenkategorie der sogenannten heterozygoten Anlageträgerinnen und -träger von rezessiv vererbten Erkrankungen entsteht. Technische Entwicklungen der Gen- und Genomanalyse machen es seit Kurzem möglich, mehrere Hundert genetische Anlageträgerschaften für rezessive Krankheiten kostengünstig in einem einzigen Testvorgang zu analysieren (sogenanntes „expanded carrier screening“ oder „erweitertes Anlageträger-Screening“). Dadurch gewinnt diese soziologisch bislang weniger beachtete Form der Genträgerschaft erheblich an Bedeutung für medizinische, gesundheitspolitische und bioethische Debatten, aber auch für privatwirtschaftliche Anbieter entsprechender Tests. Denn nach gegenwärtigem Stand der Humangenetik sind die meisten Menschen, ohne dies zu wissen und ohne ein eigenes Erkrankungsrisiko zu haben, Träger von durchschnittlich etwa drei bis sechs rezessiv vererbten Krankheitsanlagen, die sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an ihre Kinder weitergeben. Die erweiterten Tests richten sich deshalb an alle Paare mit Kinderwunsch, damit sie, „idealerweise“ bereits vor einer Schwangerschaft („präkonzeptionell“), überprüfen können, ob beide Partner die Anlageträgerschaft für die gleiche Krankheit oder Behinderung aufweisen. In diesem Fall bestünde für ein gemeinsames Kind ein 25prozentiges Risiko, von beiden Elternteilen jeweils die krankheitsauslösende genetische Mutation zu erhalten.

Ein Anlageträgertest schon vor einer Schwangerschaft eröffnet den Paaren bei einem positiven Befund verschiedene Möglichkeiten (vom Verzicht auf Kinder bis zur Präimplatationsdiagnostik), die Geburt eines gesundheitlich beeinträchtigten Kindes zu vermeiden. In dem Vorhaben wird analysiert, wie in medizinischen, gesundheitspolitischen und bioethischen Diskursen sowie in den kommerziellen „Direct-to-consumer“-Angeboten über das Internet die relativ neue Figur und Identität der „Anlageträger_innen“ konturiert und mit spezifischen Risiken, Hoffnungen, Handlungsoptionen und Verantwortlichkeiten verknüpft wird. Zudem wird mit Hilfe leitfadengestützter Interviews untersucht, inwieweit und wodurch Individuen und Paare motiviert sein könnten, sich Wissen über ihre rezessiven Anlageträgerschaften zu verschaffen und in welchem Ausmaß sie sich in ihrer Selbstwahrnehmung als Anlageträger_innen verstehen sowie ihr Verhalten daran orientieren. Mit diesen Fragestellungen und Zielen trägt das Vorhaben bei zur differenzierten Untersuchung der sozialen Implikationen und Wirkungen genetischen Wissens und biomedizinischer Technologien, zur soziologischen Analyse von sozialen Praktiken des Wissens und Nichtwissens sowie zu der beginnenden öffentlich-politischen Auseinandersetzung über Vor- und Nachteile einer in wesentlichen Aspekten neuartigen und potentiell höchst folgenreichen genetischen Diagnostik.