Laufende Forschungsprojekte und Kooperationen

ARTENGINE

Artificial Life/Anthropological and Sociological Analysis of Life Engineering

Marie Skłodowska-Curie Fellowship (Horizon 2020)

http://cordis.europa.eu/project/rcn/209315_en.html

1 October 2017 – 30 September 2019

Supervisor: Thomas Lemke

Researcher: Eva Šlesingerová

The project addresses contemporary challenges in the field of reproductive and genetic technologies from a sociological and anthropological perspective. It consists of case studies in two European countries: Germany and the Czech Republic. The research will focus on the practices of PGD (preimplantantion genetic diagnosis) in the two countries. There is a lack of reflection on the broader social and cultural context and on the ramifications of life engineering and PGD in the Czech Republic from the anthropological and sociological points of view. These issues remain unanalysed, contributing to a lack of understanding of the specific concerns of the life sciences in the Eastern European and post-socialist context. This proposed project will compare the material practices of PGD in the Czech Republic to the German case.

The research is guided by two main objectives. First, it will explore the social and cultural background and the specific concerns of the use of PGD in the European context. Second, it will analyse the cultural and social practices and forms of agency, naming, defining, and dealing with engineered life within PGD. The research will be based on a broad range of qualitative sociological and ethnographic methods, combining traditional techniques such as semi-structured interviews, ethnographic observations, and critical discourse analysis as well as innovative methods such as digital sociology and multi-sited and multi-species ethnography.


Expertise zu „Gesellschaftlichen Implikationen der Präimplantationsdiagnostik“

Thomas Lemke und Jonas Rüppel haben im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine Expertise zu den gesellschaftlichen Implikationen der Präimplantationsdiagnostik (PID) verfasst. Die Studie rekonstruiert den sozialwissenschaftlichen Forschungsstand zu dieser Thematik und identifiziert u.a. folgende gesellschaftliche Problemkomplexe: Erstens sind eine zunehmende Ausweitung des medizinischen Indikationsspektrums sowie eine Expansion der PID in neue Anwendungsfelder beobachtbar. Zweitens weisen empirische Studien darauf hin, dass die PID zu einer Vertiefung sozialer Ungleichheiten und einer Verfestigung geschlechtlicher Asymmetrien beitragen könnte. Drittens vollzieht sich im Kontext der PID ein Wandel normativer Konzepte und institutioneller Erwartungen hin zur Vorstellung einer genetischen Reproduktionsverantwortung. Diese konvergiert mit einer individualisierenden Präventionslogik, die gegenwärtige Transformationsprozesse der Medizin und Gesundheitspolitik kennzeichnet. Die Studie diskutiert darüber hinaus Folgewirkungen der PID für Menschen, die heute oder in Zukunft mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung leben, und liefert einen Überblick über medizinisch-technische Innovationen (z.B. das genome editing), die zukünftige Aneignungsformen und Entwicklungstendenzen der PID beeinflussen dürften. Die Expertise steht unter folgender Internetadresse zum download bereit:

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/mensch-gesundheit/biomedizin-forschung/fortpflanzungsmedizin/stellungnahmen-gutachten.html


Neues Forschungsprojekt: Die Personalisierung der Depression – Voraussetzungen, Dynamiken und Implikationen der psychiatrischen Biomarker-Forschung
(Deutsche Forschungsgemeinschaft, Januar 2017 bis Dezember 2019;
Projektleitung: Prof. Dr. Thomas Lemke, Projektmitarbeiter/in: Jonas Rüppel und Laura Schnieder)

Die psychiatrischen Forschung und Praxis orientiert sich zunehmend am Leitbild einer Personalisierten Psychiatrie. Ziel dieser Rekonfiguration psychiatrischen Wissens ist es, Diagnosen, Prognosen und Therapien nicht mehr am subjektiven Erleben und dem Verhalten der Patient*innen auszurichten, sondern sie auf deren spezifische biologische Eigenschaften abzustimmen. Grundlage dafür ist eine Differenzierung der Patient*innen anhand sog. Biomarker. Dies sind objektiv messbare biologische Parameter, die als Indikatoren für pathologische Prozesse oder für Reaktionen auf therapeutische Interventionen dienen. Erste Biomarker-Tests sind bereits verfügbar, weitere befinden sich in der klinischen Erprobung.

Das Forschungsvorhaben nimmt eine theoretisch fundierte und empirisch gesättigte Analyse des Projekts einer Personalisierten Psychiatrie vor. Im Mittelpunkt steht die explorative Untersuchung der Voraussetzungen, Dynamiken und Implikationen der psychiatrischen Biomarker-Forschung am Beispiel der Depression. Das Projekt geht von der These aus, dass die zunehmende Ausrichtung an Biomarkern in der Depressionsforschung nicht nur das professionelle Selbstverständnis der Psychiatrie verändert und ihre disziplinären Grenzen verschiebt, sondern auch neue institutionelle Strukturen und Handlungslogiken hervorbringt und gesellschaftliche Deutungsmuster von Krankheit und Gesundheit, Psyche und Körperlichkeit verschiebt. Methodisch orientiert sich das geplante Projekt am Forschungsstil der Situationsanalyse. Mittels Dokumenten- und Medienanalysen, Expert*inneninterviews und Ethnographien psychiatrischer Konferenzen sollen erstmals die vielfältigen technischen Voraussetzungen und forschungspraktischen Kontextbedingungen des Projekts einer Personalisierten Psychiatrie sowie die mit ihm verbundenen Erwartungen, Hoffnungen und Ängste soziologisch in den Blick genommen werden. In theoretischer Hinsicht zielt das Projekt auf die Konturierung einer Soziologie psychiatrischen Wissens, die einerseits an Michel Foucaults Analytik der Regierung und andererseits an die interdisziplinären Science and Technology Studies anschließt. Neben einem substanziellen Beitrag zur historischen Ontologie der Depression verspricht das Projekt eine konzeptuelle Schärfung und theoretische Weiterentwicklung des Begriffs der Biomarkerisierung. Über diese wissenschaftlichen Zielsetzungen hinaus verspricht das Vorhaben auch zur gesellschaftlichen Selbstverständigung über das Projekt einer Personalisierten Psychiatrie beizutragen.


Die Regierung der Dinge. Grundlagen und Perspektiven des Neuen Materialismus
(Opus Magnum-Programm der Volkswagenstiftung, April 2015 bis September 2016 - Prof. Dr. Thomas Lemke)

In den vergangenen Jahren ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein neues Forschungsfeld entstanden: der new materialism. Grundlegend für diese Theorieperspektive ist die Ausdehnung der Konzepte von Handlungsfähigkeit, Selbstorganisation und Wirkungsmacht auf nicht-menschliche Entitäten und die Infragestellung traditioneller Vorstellungen von Leben.

Das Buchprojekt stellt zunächst zentrale Positionen und theoretische Optionen innerhalb des Neuen Materialismus vor und nimmt dabei auch ungelöste theoretische Spannungen und konzeptionelle Unklarheiten dieser Forschungsperspektive in den Blick. In einem nächsten Schritt wird die These verfolgt, dass sich in Michel Foucaults Idee einer „Regierung der Dinge“ Elemente eines posthumanistischen Konzepts von Materialität finden und fruchtbar weiterentwickeln lassen. Das Buch soll diese historisch informierte und empirisch orientierte Perspektive auf die „Verflechtung von Menschen und Dingen“ (Foucault) aufgreifen und weiter ausarbeiten, indem die Analytik der Regierung systematisch mit Einsichten der Wissenschafts- und Technikforschung verbunden wird. Ziel dieses „relationalen Materialismus“ (Annemarie Mol) ist es, einen substanziellen Beitrag zu einer materialistischen Analyse politischer Prozesse und Strukturen zu leisten.

Zur Pressemitteilung


Anlageträger. Genetisches Wissen und die Entstehung einer neuen biosozialen Identität
(Deutsche Forschungsgemeinschaft, 01.11.2015 bis 31.10.2018 -
Projektleiter: PD Dr. Peter Wehling)


Das Vorhaben untersucht, ob und inwieweit gegenwärtig aus dem Zusammenwirken von genetischem Wissen, neuartigen biomedizinischen Technologien, wissenschaftlich-politischen Diskursen und kommerziellen genetischen Testangeboten eine neue biosoziale Identität und Personenkategorie der sogenannten heterozygoten Anlageträgerinnen und -träger von rezessiv vererbten Erkrankungen entsteht. Technische Entwicklungen der Gen- und Genomanalyse machen es seit Kurzem möglich, mehrere Hundert genetische Anlageträgerschaften für rezessive Krankheiten kostengünstig in einem einzigen Testvorgang zu analysieren (sogenanntes „expanded carrier screening“ oder „erweitertes Anlageträger-Screening“). Dadurch gewinnt diese soziologisch bislang weniger beachtete Form der Genträgerschaft erheblich an Bedeutung für medizinische, gesundheitspolitische und bioethische Debatten, aber auch für privatwirtschaftliche Anbieter entsprechender Tests. Denn nach gegenwärtigem Stand der Humangenetik sind die meisten Menschen, ohne dies zu wissen und ohne ein eigenes Erkrankungsrisiko zu haben, Träger von durchschnittlich etwa drei bis sechs rezessiv vererbten Krankheitsanlagen, die sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an ihre Kinder weitergeben. Die erweiterten Tests richten sich deshalb an alle Paare mit Kinderwunsch, damit sie, „idealerweise“ bereits vor einer Schwangerschaft („präkonzeptionell“), überprüfen können, ob beide Partner die Anlageträgerschaft für die gleiche Krankheit oder Behinderung aufweisen. In diesem Fall bestünde für ein gemeinsames Kind ein 25prozentiges Risiko, von beiden Elternteilen jeweils die krankheitsauslösende genetische Mutation zu erhalten. Ein Anlageträgertest schon vor einer Schwangerschaft eröffnet den Paaren bei einem positiven Befund verschiedene Möglichkeiten (vom Verzicht auf Kinder bis zur Präimplatationsdiagnostik), die Geburt eines gesundheitlich beeinträchtigten Kindes zu vermeiden. In dem Vorhaben wird analysiert, wie in medizinischen, gesundheitspolitischen und bioethischen Diskursen sowie in den kommerziellen „Direct-to-consumer“-Angeboten über das Internet die relativ neue Figur und Identität der „Anlageträger_innen“ konturiert und mit spezifischen Risiken, Hoffnungen, Handlungsoptionen und Verantwortlichkeiten verknüpft wird. Zudem wird mit Hilfe leitfadengestützter Interviews untersucht, inwieweit und wodurch Individuen und Paare motiviert sein könnten, sich Wissen über ihre rezessiven Anlageträgerschaften zu verschaffen und in welchem Ausmaß sie sich in ihrer Selbstwahrnehmung als Anlageträger_innen verstehen sowie ihr Verhalten daran orientieren. Mit diesen Fragestellungen und Zielen trägt das Vorhaben bei zur differenzierten Untersuchung der sozialen Implikationen und Wirkungen genetischen Wissens und biomedizinischer Technologien, zur soziologischen Analyse von sozialen Praktiken des Wissens und Nichtwissens sowie zu der beginnenden öffentlich-politischen Auseinandersetzung über Vor- und Nachteile einer in wesentlichen Aspekten neuartigen und potentiell höchst folgenreichen genetischen Diagnostik.


Demografisierung des Politischen? Eine intersektionale Analyse deutscher Familien- und Migrationspolitik seit Mitte der 1990er Jahre (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Juni 2014 bis Mai 2017, Projektleiterin: Dr. Susanne Schultz)

Das Forschungsprojekt untersucht den Bedeutungszuwachs demografischen Wissens in der bundesdeutschen Familien- und Migrationspolitik seit Mitte der 1990er Jahre. Ziel ist es, Reichweite, Elemente und Dynamik einer neuen Bevölkerungspolitik in ihrer wissenschaftlichen Begründung zu analysieren. Im Fokus stehen staatliche Ansätze zur Steuerung von Fertilität und Zuwanderung als diejenigen Elemente einer neuen Demografiepolitik, die auf eine aktive Gestaltung der Größe und Zusammensetzung der nationalen Bevölkerung abzielen. Damit unterscheidet sich das Projekt von bereits vorhandenen Forschungen zu sozialpolitischen Strategien der Anpassung an einen als demografisch verstandenen gesellschaftlichen Wandel. Indem das Projekt sowohl Migrations- als auch Familienpolitik umfasst, ermöglicht es zudem eine intersektionale Perspektive auf die aktuelle Biopolitik der Bevölkerung, berücksichtigt aber gleichzeitig, dass Demografiepolitik sich in beiden Politikfeldern unterschiedlich ausgestaltet. Das Projekt rekurriert auf das wissenssoziologische Konzept der Demografisierung, mit dem wissenschaftliche Problemformulierungen und strategische Lösungsansätze im Zusammenhang als politische Rationalität untersucht werden können. Um dieses Konzept für die Politikwissenschaft auszuloten, zu erweitern und zu präzisieren, kombiniert das Projekt drei methodologisch-theoretische Zugänge: Für eine interpretative Policy-Analyse werden zunächst Aktivitäten demografischer Politikberatung seit dem Beginn einer neuen deutschen Demografiepolitik Mitte der 1990er Jahre erfasst - in der Ressort- und Auftragsforschung, in parlamentarischen und ministeriellen Gremien sowie im Rahmen ausgewählter Schlüsselereignisse der öffentlichen Diskussion. Auf dieser Grundlage nutzt das Projekt qualitative Interviews mit SchlüsselakteurInnen und ausgewählte Dokumente, um diskursanalytisch demografische Rationalitäten und Diskurskoalitionen in beiden Politikfeldern herauszuarbeiten. Diesem induktiven Zugang einer demografischen Laborforschung folgen in einem zweiten Schritt deduktiv vorgehende staatstheoretisch verankerte Politikfeldanalysen, um die Einbettung demografischer Rationalitäten in die Konfliktkonstellationen beider Politikfelder nachzuvollziehen. Ziel ist es, Demografisierung als Teil umfassender Hegemoniebildungsprozesse zu analysieren und Ungleichzeitigkeiten, Dynamiken und auch Grenzen des Einflusses demografischer Rationalitäten zu verstehen. Schließlich nutzt das Projekt methodologische Ansätze aus der Intersektionalitätsforschung; um zu rekonstruieren, mit welchen demographischen Instrumentarien bestimmte Bevölkerungsgruppen in beiden Politikfeldern ausgewählt und statistisch klassifiziert werden, welche Strategien der staatlichen Steuerung in Bezug auf diese Bevölkerungsgruppen diskutiert und implementiert werden und wie sich diese Prozesse der Kategorisierung und Steuerung verschränken oder auch voneinander abgegrenzt werden.