Abgeschlossene Forschungsprojekte

ARTENGINE

Artificial Life - Anthropological and Sociological Analysis of Life Engineering

Förderung:        Europäische Kommission
(Marie Skłodowska-Curie Actions)
Laufzeit:   Oktober 2017 bis September 2019
Projektleitung:    Prof. Dr. Thomas Lemke
Projektmitarbeiter/innen:   Dr. Eva Šlesingerová

 
The project addresses contemporary challenges in the field of reproductive and genetic technologies from a sociological and anthropological perspective. It consists of case studies in two European countries: Germany and the Czech Republic. The research will focus on the practices of PGD (preimplantantion genetic diagnosis) in the two countries. There is a lack of reflection on the broader social and cultural context and on the ramifications of life engineering and PGD in the Czech Republic from the anthropological and sociological points of view. These issues remain unanalysed, contributing to a lack of understanding of the specific concerns of the life sciences in the Eastern European and post-socialist context. This proposed project will compare the material practices of PGD in the Czech Republic to the German case.

The research is guided by two main objectives. First, it will explore the social and cultural background and the specific concerns of the use of PGD in the European context. Second, it will analyse the cultural and social practices and forms of agency, naming, defining, and dealing with engineered life within PGD. The research will be based on a broad range of qualitative sociological and ethnographic methods, combining traditional techniques such as semi-structured interviews, ethnographic observations, and critical discourse analysis as well as innovative methods such as digital sociology and multi-sited and multi-species ethnography.


Weitere Informationen


Gesellschaftliche Implikationen der Präimplantationsdiagnostik

Gutachten im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Gesundheit

Thomas Lemke und Jonas Rüppel haben im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Gesundheit (BAG) eine Expertise zu den gesellschaftlichen Implikationen der Präimplantationsdiagnostik (PID) verfasst. Die Studie rekonstruiert den sozialwissenschaftlichen Forschungsstand zu dieser Thematik und identifiziert u.a. folgende gesellschaftliche Problemkomplexe:

Erstens sind eine zunehmende Ausweitung des medizinischen Indikationsspektrums sowie eine Expansion der PID in neue Anwendungsfelder beobachtbar. Zweitens weisen empirische Studien darauf hin, dass die PID zu einer Vertiefung sozialer Ungleichheiten und einer Verfestigung geschlechtlicher Asymmetrien beitragen könnte. Drittens vollzieht sich im Kontext der PID ein Wandel normativer Konzepte und institutioneller Erwartungen hin zur Vorstellung einer genetischen Reproduktionsverantwortung. Diese konvergiert mit einer individualisierenden Präventionslogik, die gegenwärtige Transformationsprozesse der Medizin und Gesundheitspolitik kennzeichnet. Die Studie diskutiert darüber hinaus Folgewirkungen der PID für Menschen, die heute oder in Zukunft mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung leben, und liefert einen Überblick über medizinisch-technische Innovationen (z.B. das genome editing), die zukünftige Aneignungsformen und Entwicklungstendenzen der PID beeinflussen dürften.


Zum PDF-Download


Die Regierung der Dinge

Grundlagen und Perspektiven des Neuen Materialismus

Förderung:       Volkswagenstiftung (Opus Magnum-Programm)
Laufzeit:   April 2015 bis September 2016
Buchprojekt:   Prof. Dr. Thomas Lemke

In den vergangenen Jahren ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein neues Forschungsfeld entstanden: der new materialism. Grundlegend für diese Theorieperspektive ist die Ausdehnung der Konzepte von Handlungsfähigkeit, Selbstorganisation und Wirkungsmacht auf nicht-menschliche Entitäten und die Infragestellung traditioneller Vorstellungen von Leben.

Das Buchprojekt stellt zunächst zentrale Positionen und theoretische Optionen innerhalb des Neuen Materialismus vor und nimmt dabei auch ungelöste theoretische Spannungen und konzeptionelle Unklarheiten dieser Forschungsperspektive in den Blick. In einem nächsten Schritt wird die These verfolgt, dass sich in Michel Foucaults Idee einer „Regierung der Dinge“ Elemente eines posthumanistischen Konzepts von Materialität finden und fruchtbar weiterentwickeln lassen. Das Buch soll diese historisch informierte und empirisch orientierte Perspektive auf die „Verflechtung von Menschen und Dingen“ (Foucault) aufgreifen und weiter ausarbeiten, indem die Analytik der Regierung systematisch mit Einsichten der Wissenschafts- und Technikforschung verbunden wird. Ziel dieses „relationalen Materialismus“ (Annemarie Mol) ist es, einen substanziellen Beitrag zu einer materialistischen Analyse politischer Prozesse und Strukturen zu leisten.


Demografisierung des Politischen?

Eine intersektionale Analyse deutscher Familien- und Migrationspolitik seit Mitte der 1990er Jahre

Förderung:       Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit:   Juni 2014 bis Dezember 2018
Projektleitung:   Dr. Susanne Schultz

Das Forschungsprojekt untersucht den Bedeutungszuwachs demografischen Wissens in der bundesdeutschen Familien- und Migrationspolitik seit Mitte der 1990er Jahre. Ziel ist es, Reichweite, Elemente und Dynamik einer neuen Bevölkerungspolitik in ihrer wissenschaftlichen Begründung zu analysieren. Im Fokus stehen staatliche Ansätze zur Steuerung von Fertilität und Zuwanderung als diejenigen Elemente einer neuen Demografiepolitik, die auf eine aktive Gestaltung der Größe und Zusammensetzung der nationalen Bevölkerung abzielen. Damit unterscheidet sich das Projekt von bereits vorhandenen Forschungen zu sozialpolitischen Strategien der Anpassung an einen als demografisch verstandenen gesellschaftlichen Wandel. Indem das Projekt sowohl Migrations- als auch Familienpolitik umfasst, ermöglicht es zudem eine intersektionale Perspektive auf die aktuelle Biopolitik der Bevölkerung, berücksichtigt aber gleichzeitig, dass Demografiepolitik sich in beiden Politikfeldern unterschiedlich ausgestaltet. Das Projekt rekurriert auf das wissenssoziologische Konzept der Demografisierung, mit dem wissenschaftliche Problemformulierungen und strategische Lösungsansätze im Zusammenhang als politische Rationalität untersucht werden können.

Um dieses Konzept für die Politikwissenschaft auszuloten, zu erweitern und zu präzisieren, kombiniert das Projekt drei methodologisch-theoretische Zugänge: Für eine interpretative Policy-Analyse werden zunächst Aktivitäten demografischer Politikberatung seit dem Beginn einer neuen deutschen Demografiepolitik Mitte der 1990er Jahre erfasst - in der Ressort- und Auftragsforschung, in parlamentarischen und ministeriellen Gremien sowie im Rahmen ausgewählter Schlüsselereignisse der öffentlichen Diskussion. Auf dieser Grundlage nutzt das Projekt qualitative Interviews mit SchlüsselakteurInnen und ausgewählte Dokumente, um diskursanalytisch demografische Rationalitäten und Diskurskoalitionen in beiden Politikfeldern herauszuarbeiten. Diesem induktiven Zugang einer demografischen Laborforschung folgen in einem zweiten Schritt deduktiv vorgehende staatstheoretisch verankerte Politikfeldanalysen, um die Einbettung demografischer Rationalitäten in die Konfliktkonstellationen beider Politikfelder nachzuvollziehen.

Ziel ist es, Demografisierung als Teil umfassender Hegemoniebildungsprozesse zu analysieren und Ungleichzeitigkeiten, Dynamiken und auch Grenzen des Einflusses demografischer Rationalitäten zu verstehen. Schließlich nutzt das Projekt methodologische Ansätze aus der Intersektionalitätsforschung; um zu rekonstruieren, mit welchen demographischen Instrumentarien bestimmte Bevölkerungsgruppen in beiden Politikfeldern ausgewählt und statistisch klassifiziert werden, welche Strategien der staatlichen Steuerung in Bezug auf diese Bevölkerungsgruppen diskutiert und implementiert werden und wie sich diese Prozesse der Kategorisierung und Steuerung verschränken oder auch voneinander abgegrenzt werden.


Genetische Diskriminierung in Deutschland

Eine Untersuchung zu Erfahrungen von Benachteiligung und Andersbehandlung aufgrund genetischer Krankheitsrisiken

Förderung:       Bundesministerium für Bildung und Forschung
Laufzeit:   Januar 2011 bis Dezember 2013
Projektleitung:   Prof. Dr. Thomas Lemke, Prof. Dr. Katharina Liebsch (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg)
Projektmitarbeiter/innen:   Ulrike Manz, Tino Plümecke

 
Das Projekt ist die erste umfassende und systematische empirische Untersuchung zu Praktiken genetischer Diskriminierung in Deutschland. Es zielt darauf, die Auswirkungen von Ausgrenzung und Ungleichbehandlung aufgrund genetischer Merkmale anhand von vier exemplarisch ausgewählten genetischen Erkrankungen sichtbar zu machen: (1) Menschen, bei denen der genetische Test für die Familiäre Adenomatöse Polyposis (FAP) positiv ausfiel, die aber (noch) nicht erkrankt sind; (2) Menschen mit einem Risiko für Brust- bzw. Eierstockkrebs (BRCA1/2); (3) Betroffene der Eisenspeicherkrankheit (hereditäre Hämochromatose, HH) sowie (4) heterozygote„Träger“ der Mutation für Cystische Fibrose.

In der ersten Projektphase findet eine fragebogenbasierte Umfrage bei einschlägigen Selbsthilfegruppen und ausgewählten genetischen Beratungsstellen statt, um einen Einblick in die Verbreitung, die Formen und Dimensionen genetischer Diskriminierung zu erlangen. Darauf aufbauend werden in der zweiten Projektphase etwa 60 leitfadengestützte Interviews durchgeführt, die Auskunft über Erfahrungen und Umgangsweisen mit Praktiken genetischer Diskriminierung geben sollen. Zur Vertiefung, Erweiterung und Fundierung der gesammelten Informationen sind in der dritten Projektphase für jede der oben genannten Krankheiten drei bis fünf Interviews mit Familienmitgliedern, Arbeitgebern oder Vertretern von Versicherungsunternehmen geplant.


Soziale, politische und ethische Implikationen der Nutzung von DNA-Analysen in Einwanderungsverfahren

 
Förderung:        Bundesministerium für Bildung und Forschung, österreichisches Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Academy of Finland
Laufzeit:   Februar 2010 bis Januar 2013
Projektleitung:   Prof. Dr. Thomas Lemke
Projektmitarbeiter/innen:   Dr. Torsten (Heinemann) Voigt

Gegenstand des Projekts ist die in einer wachsenden Zahl von Staaten zu beobachtende Tendenz, bei Anträgen auf Familienzusammenführung im Rahmen von Einwanderungsverfahren genetische Abstammungstests zu verwenden. DNA-Analysen kommt in diesem institutionellen Kontext eine ambivalente Rolle zu. Sie erlauben einerseits den Nachweis der biologischen Verwandtschaft in (aus Sicht der Ausländerbehörden) »zweifelhaften« Fällen, in denen eine Abschiebung droht bzw. der Familiennachzug verweigert wird und ermöglichen auf diese Weise die Familienzusammenführung. Andererseits geht diese Praxis mit einer Vielzahl von Problemen einher, die von datenschutzrechtlichen Bedenken über psychische Belastungen bis hin zur Abwertung sozialer Familienmodelle reichen.

Das Projekt ist Teil eines Forschungsverbunds, der in drei europäischen Staaten – Österreich, Deutschland und Finnland – der Frage nachgeht, wie sich der Einsatz genetischer Abstammungstests in Einwanderungsverfahren auf das gesellschaftliche Verständnis von Familie und Verwandtschaft auswirkt und welche ethischen, sozialen und politischen Probleme diese Praxis in den jeweiligen Ländern aufwirft. Das Forschungsvorhaben untersucht in vergleichender Perspektive die historische Entstehung und die rechtlich-administrative Regulierung des Einsatzes genetischer Tests zur Bestimmung von Familienbeziehungen am Beispiel der deutschen Einwanderungspraxis. Auf der Grundlage der Analyse von Rechtsdokumenten, Stellungnahmen, Richtlinien etc. und Interviews mit Vertretern von Ausländerbehörden, Rechtsanwält(inn)en und Menschenrechtsaktivisten sowie Familienmitgliedern, die eine DNA-Analyse im Rahmen von Einwanderungsverfahren in Auftrag gegeben (oder verweigert) haben, sollen die vielfältigen Dimensionen, Kontextbedingungen und Folgen der Nutzung von genetischen Informationen für Einwanderungsverfahren dargestellt werden.


Enacting Pregnancy

Ultraschallbilder in der pränatalen Diagnostik

Förderung:        Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit:   Januar 2010 bis September 2013
Projektleitung:   Dr. Eva Sänger
Projektmitarbeiter/innen:   Sarah Dionisius

 
Die Schwangerenvorsorge in der Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich durch die weltweit höchste Rate an Ultraschalluntersuchungen aus. Das Projekt untersucht die lebensweltlichen Aneignungsformen, die durch diesen in der Medizin vorherrschenden Trend zur Visualisierung entstehen. Anhand von leitfadengestützten Interviews mit schwangeren Frauen, Hebammen und Ärzten sowie teilnehmender Beobachtung von Ultraschalluntersuchungen erforscht die Studie die Bedeutung, die dem Ultraschallbild als Repräsentation des Ungeborenen in der Lebenswelt schwangerer Frauen zugesprochen wird sowie die Folgen, die die kulturelle und medizinische Privilegierung des Visuellen für den verkörperten Übergang zur Elternschaft hat. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Debatte um die Veränderung von Körperwissen und -praktiken durch biomedizinische Technologien.


Living in Surveillance Societies (LiSS)

Thomas Lemke ist Mitglied der COST-Action IS0807

Thomas Lemke ist seit dem 1. April 2009 Mitglied der COST-Action IS0807 »Living in Surveillance Societies« (LiSS). COST ist ein europäisches Netzwerkprogramm für die Koordination national geförderter Forschungsaktivitäten.

Dr. William Webster (University of Stirling) leitet das Programm, das der European Research Council für einen Zeitraum von vier Jahren fördert. Das Netzwerk umfasst im Augenblick über achtzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sechzehn europäischen und einigen nicht-europäischen Staaten, die sich regelmäßig zu Workshops und Konferenzen treffen. Übergreifendes Ziel des Forschungsverbunds ist die Vernetzung der in dem Themenfeld arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der Aufbau von Kooperationsstrukturen, die das Wissen über Umfang und Bedeutung von Überwachungspraktiken in den Gegenwartsgesellschaften erweitern und vertiefen. Auf der Grundlage dieses Wissensfortschritts sollen dann Empfehlungen für die politische Ausgestaltung und Regulierung von Überwachungstechniken entwickelt werden.

Von 2007 bis 2009 war Thomas Lemke Partner im EU-Koordinationsprojekt PRIVILEGED (»Determining the Ethical and Legal Interests in Privacy and Data Protection for Research Involving the Use of Genetic Databases and Bio-banks«). Das Projekt untersuchte die ethischen, rechtlichen und sozialen Interessen, die durch den Aufbau und die Nutzung von Gen- und Biobanken berührt sind. Es wurde von der EU-Kommission gefördert und umfasste 32 Partnerinstitutionen aus europäischen und drei aus nicht-europäischen Staaten. Die Projektkoordination lag bei Dr. Mark Taylor (Institute of Biotechnological Law and Ethics, Sheffield University) und bei David Townend (University of Maastricht). PRIVILEGED vereinte Experten aus der Medizin, den Rechtswissenschaften, der Philosophie, den Sozialwissenschaften und den Biowissenschaften, die in dem Forschungsfeld arbeiten. Aufgabe des Projekts war es, unterschiedliche ethische, soziale und kulturelle Konzepte von »Privatheit« und Datenschutz, die im Zusammenhang mit der Einrichtung von Gen- und Biobanken relevant sein können, vergleichend zu analysieren und weitergehende Empfehlungen zu erarbeiten.


Weitere Informationen