Critical Sociology Conference

Critical Sociology – Current Issues and Future Challenges

Internationale Konferenz vom 23. bis 25. Juni 2014 an der Goethe Universität Frankfurt am Main

Critical_sociology_vortr_koord_neu

Konferenzbericht

„Wo steht die kritische Soziologie heute? Was sind am Anfang des 21. Jahrhunderts Aufgaben und Inhalte einer Soziologie, deren Selbstverständnis darin besteht, durch wissenschaftliche  Reflexion eine fundierte und weiterführende Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu leisten? Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt der internationalen Konferenz „Critical Sociology – Current Issues and Future Challenges“, die im Rahmen des GU100 Jubiläums vom 23. bis zum 25. Juni 2014 von Mitgliedern des Instituts für Soziologie der Goethe-Universität in Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung (IfS) und dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) veranstaltet wurde. So ging es darum, soziologische Ansätze, die sich dem Denken der Kritischen Theorie verpflichtet wissen, in undogmatischer Weise mit Kritikkonzeptionen anderer Provenienz ins Gespräch zu bringen und Perspektiven einer kritischen Soziologie zu entwerfen. Dem Label „kritische Soziologie“ kam dabei eine doppelte Funktion zu: Mit ihm wurde an die Frankfurter Tradition angeschlossen, zugleich aber eine inhaltliche Erweiterung vorgenommen. Das übergeordnete Ziel der Tagung bestand darin, eine Kritische Soziologie im Rahmen eines internationalen Dialogs fortzuentwickeln und die Produktivität der Soziologie als einer Lieferantin diagnostischen und handlungsrelevanten Wissens für die drängenden gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart unter Beweis zu stellen.

Dass diese Herausforderung zu einem spannenden und kontroversen Ereignis wurde, dafür sorgte allein die hochkarätige Besetzung der Konferenz: Über ein Dutzend renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland gaben anregende Impulse für die Diskussion. Aber auch der inhaltliche Zuschnitt der vier Panels, der sich über die Diagnose gesellschaftlicher Konflikte und Kämpfe begründete, erwies sich als produktiv.

Im ersten Panel „Spaces of Inequality“ ging Juliet Schor (Boston College, USA) auf die negativen Auswirkungen sozialer Ungleichheiten der Klimapolitik ein. François Dubet (U Bordeaux, FR) zeigte, wie die Idee der Gleichheit als gesellschaftliches Leitprinzip in Europa immer mehr ausgedünnt wurde. Loïc Wacquant (U California, Berkeley, USA) analysierte sozialräumliche Aspekte sozialer Ungleichheit am Beispiel marginalisierter urbaner Zonen in Frankreich und den USA.

Das zweite Panel „Technoscience, Knowledge, Power“ beschäftigte sich mit den Machteffekten technowissenschaftlicher Praktiken. John Law (The Open University, UK) thematisierte das Verhältnis von Wissenschaftsforschung und postkolonialer Kritik. Joan Fujimura (U Wisconsin-Madison, USA) stellte die fortdauernde biomedizinische Aktualisierung der Kategorie „Rasse“ heraus, und Catherine Waldby (U Sydney, Australien) fokussierte die Reproduktionsmedizin als neue (re-)produktive Ökonomie.

Das dritte Panel zu „Global Ecologies“ widmete sich Fragen im Ausgang der ökologischen Krise und des Klimawandels. Mary Mellor (Northumbria U, Newcastle upon Tyne, UK) benannte Probleme aus einer ökofeministischen Perspektive, Serge Latouche (U Paris IX, FR) stellte das Konzept der Postwachstumsökonomie vor, und Fred Steward (U Westminster, London, UK) entwickelte eine kritische Soziologie der Transformation. 

Das letzte Forum zu „Workings of Capitalism“ setzte sich mit der Transformation von Arbeit im finanzmarktgetriebenen Kapitalismus auseinander. Serge Paugam (CNRS Paris, FR) führte am Gegenstand der Prekarisierung die Bedeutung sozialer Bindungen zwischen Individuen und Gesellschaft vor und zeigte deren Gefährdung in der Gegenwart auf. Gängigen Zeitdiagnosen, die von einem kognitiven Kapitalismus sprechen, stellte Paul Thompson(Strathclyde U Glasgow, UK) Fakten über die Realität der Mehrzahl der Arbeitsverhältnisse entgegen und zeigte so das kritische Potenzial einer soziologischen Aufklärung.

Quer dazu tauchte immer wieder die Frage nach Sinn oder Unsinn einer kritischen Soziologie per se auf wie auch die Notwendigkeit, soziologische Kritikpraktiken zu spezifizieren. Insgesamt erwies sich die Konferenz als eine anregende und perspektiveneröffnende Veranstaltung – als solche bildet sie freilich erst den Auftakt für eine weitere Verständigung über kritische Soziologie heute.

 

Für das Organisationsteam:

 Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink, b.blaettel-mink@soz.uni-frankfurt.de

Dr. Alexandra Rau, rau@soz.uni-frankfurt.de

PD Dr. Stephan Voswinkel, voswinkelnkel@em.uni-frankfurt.de