Religiöser Antikapitalismus? Jüdische, christliche und islamische Positionierungen im Vergleich

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Forschungszusammenhang: LOEWE-Schwerpunkt »Religiöse Positionierung: Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten« (Sprecher: Prof. Dr. Christian Wiese; 13 Teilprojekte aus verschiedenen Disziplinen)

Antragstellung und Leitung des Teilprojekts: Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty

Projektmitarbeiter/in: Dr. Claudia Willms; Christian Sperneac-Wolfer, M.A.

Studentische Hilfskräfte: Alexander Kern, B.A.; Nils Kühl, B.A.

Förderinstitution: Land Hessen (Landesoffensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz)

Zeitraum der Förderung: 01. Januar 2017 bis 31. Dezember 2020

 

Das Projekt untersucht religiös motivierte Formen der Kapitalismus- und Vermarktlichungskritik anhand exemplarischer soziologischer Fallstudien zu jüdischen, christlichen und islamischen Gemeinschaften in Frankfurt am Main.

Religionsgemeinschaften positionieren sich mit ihren Weltdeutungen und Werthaltungen nicht nur innerhalb der religiösen Sphäre, sondern auch gegenüber säkularen Teilbereichen der Gesellschaft und den in ihnen institutionalisierten Handlungslogiken. Sie halten Deutungsressourcen bereit, die in Spannung zur Eigenlogik gesellschaftlicher Funktionsbereiche (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft) treten können. Von besonderer Relevanz sind die vielfach konfliktreichen Positionierungen religiöser Gruppierungen zur Sphäre der Ökonomie, wie wir spätestens seit Max Webers klassischen Studien wissen. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten ökonomischen Krisenerscheinungen und der Entwicklung einer »Marktgesellschaft«, in der Tausch und Konkurrenzverhältnisse in immer mehr Lebensbereiche vordringen, sind kapitalismuskritische Positionen religiöser Gruppen ein vielversprechendes, zugleich aber in Bezug auf die Gegenwartsgesellschaft kaum bearbeitetes Sujet.

Die ethnographisch angelegte Untersuchung gliedert sich in drei Teilfragen und Analyseebenen. (1) Auf einer deskriptiven Ebene soll die Frage beantwortet werden, worauf sich die religiöse Kritik an kapitalistischen Verwertungsprozessen und Tendenzen der Vermarktlichung genau bezieht und welche jüdischen, christlichen oder islamischen Semantiken dafür in Anspruch genommen werden. (2) Auf einer explikativen Ebene geht es darum, wie sich religiöse Positionierungen gegenüber kapitalistischen Marktordnungen und ihren sozialen Folgeerscheinungen erklären lassen. Inhaltliche Positionen und gesellschaftliche Positionierungen werden in Anlehnung an figurationssoziologische Überlegungen von Norbert Elias aus ihrer Interdependenz mit anderen Positionen und Positionierungen begriffen. (3) Schließlich nimmt sich das Forschungsvorhaben – hier in besonders enger interdisziplinärer Kooperation mit den anderen Teilprojekten des LOEWE-Schwerpunkts – der Frage an, ob und wie es sich rechtfertigen lässt, pluralismusfähige gegenüber pluralismusunfähigen Formen der religiösen Marktkritik normativ auszuzeichnen. Das Projekt geht dabei von der Grundannahme aus, dass eine demokratische Zivilgesellschaft auf Interpretationsgemeinschaften angewiesen ist, die als kritische gesellschaftliche Reflexionsinstanzen fungieren.

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