Widerstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen

Projekt von Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty

Das Forschungsprojekt besteht aus einer ethnographischen Reise an Orte des weithin verborgenen Widerstands in der Gegenwartsgesellschaft. Es sollen widerständige Praktiken erkundet werden, die ‒ um eine bekannte Formulierung Theodor W. Adornos zu variieren ‒ als Versuche eines richtigen Lebens im falschen gelten können.

Dabei bedient sich das Projekt der Erhebungsmethoden des episodischen Interviews und der teilnehmenden Beobachtung. In der Darstellung der ausgewerteten Daten sollen neue Textformen experimentell erprobt werden: Neben analytischen Aufsätzen sollen narrativ strukturierte Fallportraits entstehen, die ihrer Form nach am ehesten den Schriften von Swetlana Alexijewitsch und Studs Terkel gleichen.

Die Reise führt zu Menschen, die in verschiedenen lebensweltlichen und beruflichen Sphären die gesellschaftlichen Ordnungen unterlaufen. Um der destruktiven Kraft dieser Ordnungen für sich und andere zu entgehen, sehen sich diese Personen gezwungen, gegen soziale Erwartungen, bisweilen auch gegen geltendes Recht zu verstoßen. Warum sie ihren Widerstand nur im Verborgenen ausüben oder ausüben können, erweist sich wiederum als höchst aufschlussreich für die spezifischen Kontexte, in denen sie sich bewegen. Ihre vielfach riskanten und verletzlichen Widerstandspraktiken und Lebensformen können als exemplarische Beispiele dafür gelesen werden, dass es wirkliche Alternativen zu den eingelebten Praxisformen im demokratischen Kapitalismus geben kann. Wenn es gelänge, dies zu vermitteln, wäre eine durchaus bedeutsame Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung erfüllt: die Eröffnung gesellschaftlicher Möglichkeitsräume durch die Darstellung real existierender Praxis.

Auf einer diagnostischen Ebene soll das Projekt die Verhältnisse und Missstände in den sozialen Sphären sichtbar machen, in denen widerständige Praktiken weitgehend unter dem Radar der Sichtbarkeit stattfinden. Auf der explikativen Ebene soll sich zum einen zeigen, warum der Widerstand nicht offen ausgeübt wird und weshalb jene Verhältnisse dies nicht zulassen; zum anderen, wodurch sich die sozialpsychologische Frage beantworten lässt, dass bestimmte Personen die von ihnen erlebte Wirklichkeit nicht nur kritisieren, sondern existentiell und handelnd für ihre oppositionelle Haltung einstehen. Schließlich soll das Projekt auf der performativen Ebene auf alternative Handlungsmuster in einer Gesellschaft verweisen, die durch viele Widersprüche, Ungerechtigkeiten und ein enormes Destruktionspotential gekennzeichnet ist.


Projektbezogene Publikationen

Sutterlüty, Ferdinand: Widerstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen. Hamburg: Hamburger Edition 2025.

Sutterlüty, Ferdinand und Almut Poppinga (Hg.): Verdeckter Widerstand in demokratischen Gesellschaften. Frankfurt a. M. und New York: Campus 2022.