Promotionsprojekt von David Schultz
Männlichkeit gerät in den vergangenen 50 Jahren immer mehr in Kritik. Besonders in den rechtlichen Bemühungen der Frauenbewegung wie auch in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen zu Toxischer Männlichkeit und #MeToo äußert sich eine gestiegene Sensibilität für Verletzungs- und Unterdrückungspraktiken, die männlichen Gesellschaftsmitgliedern angelastet werden. Diese Diskurse bestätigen die soziologische Feststellung, dass Verletzungsmacht als gesellschaftlich legitime Ressourcen zur Konstruktion von Männlichkeit und zur Aufrechterhaltung der hierarchischen Geschlechterordnung fungiert. Gleichzeitig fordern sie diese kulturell tief verankerten Legitimitätsvorstellungen heraus, indem sie die enge Verknüpfung von Männlichkeit und Verhaltensweisen, die zunehmend als Gewalt bewertet werden, kritisch hinterfragen.
Bestehende Forschungsarbeiten teilen mehrheitlich die Problemperspektive der gesellschaftspolitischen Debatte. Sie fragen üblicherweise danach, warum Gewalttäter (und auch -opfer) weit überwiegend männlichen Geschlechts sind oder inwieweit etwa sexistische und rassistische Einstellungen durch gewaltbezogene Männlichkeitsideale erklärt werden können. Während diese Arbeiten selbst zur normativen Problematisierung von Männlichkeit beitragen, verfolgt das Promotionsprojekt die Frage, wie Männer* mit der Problematisierung 'ihres' Geschlechts umgehen. Es untersucht anhand von narrativen Interviews mit männlich sozialisierten Personen, inwiefern der männlichkeitskritische Diskurs Eingang in deren Männlichkeits- und Selbstkonstruktionen findet und von ihnen mitunter zur Selbst-Verteidigung umgedeutet wird.
Um der empirischen Vielfalt des Phänomens Rechnung zu tragen, werden am Konzept der Indexikalität orientierte Gewalt- und Männlichkeitstheorien herangezogen und zudem die Untersuchungsgruppe nach für den Gegenstand relevanten Kriterien (Alter, Familienstand, Milieuzugehörigkeit, sexuelle Orientierung u.a.m.) strukturiert. Ziel ist die Entwicklung einer Typologie, die die unterschiedlichen Varianten des (selbst)deutenden Umgangs mit der skizzierten Problematisierung abbildet.
Das Projekt leistet einen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte über den Wandel von Männlichkeit(en), indem es den Blick für solche Wandlungsaspekte schärft, die als Folge einer gestiegenen gesellschaftlichen Gewaltsensibilität betrachtet werden können. Außerdem trägt es zu einer Gewaltsoziologie bei, die sich für den kontingenten und kontextabhängigen sozialen Sinn von Gewalt interessiert, indem es den mitunter umstrittenen Deutungen und Bewertungen problematisch gewordener Verhaltensweisen nachspürt, die in Zusammenhang mit Männlichkeit gestellt werden.
Vita
David Schultz studierte Soziologie an der Universität Heidelberg und an der Lund University. Seit November 2020 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Umstrittene Gewaltverhältnisse. Die umkämpften Grenzen verbotener, erlaubter und gebotener Gewalt in der Moderne“, das von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur gefördert wird.
Im Rahmen des Projekts verfasst er seine Promotionsarbeit. Betreut wird das Vorhaben von PD Dr. Eddie Hartmann (Leiter des Projekts „Umstrittene Gewaltverhältnisse“/Universität Potsdam) und Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty.
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