Stress und Erschöpfung sind weitverbreitet, aber ungleich verteilt: Frauen sind gestresster als Männer und erkranken häufiger psychisch. Dieser Befund wird soziologisch – neben einem vergeschlechtlichtem Gesundheitsverhalten – mit der doppelten Belastung von Frauen erklärt. Viele Frauen sind nicht nur erwerbstätig und mit den damit verknüpften Belastungen konfrontiert, sondern sorgen gleichzeitig in einem höheren Maß als Männer für Kinder, Angehörige, Freund*innen oder andere Personen.
Viele Menschen, die sich gestresst und überlastet fühlen, suchen psychotherapeutische Hilfe. Psychotherapeutische Professionen leisten somit einen Beitrag zur Bearbeitung der (vergeschlechtlichten) Überlastung und Erschöpfung vieler Menschen in der Gegenwartsgesellschaft. Studien weisen darauf hin, dass Geschlechternormen in der psychotherapeutischen Praxis eine Rolle spielen.
Die Dissertation untersucht vor diesem Hintergrund die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der Behandlung von (sorge)arbeitsbezogenen Belastungen in psychosomatischen Akutkliniken.
Im Fokus des qualitativ-empirischen Projekts steht die Rekonstruktion von Handlungsorientierungen psychotherapeutischer Fachkräfte (Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Komplementärtherapeut*innen und Pflegekräfte). Es werden Gruppendiskussionen und Interviews sowie teilnehmende Beobachtungen aus vier psychosomatischen Akutkliniken mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet. Die Daten wurden im Kontext des DFG-Projekts "Psychotherapeutische Behandlung arbeitsbezogenen Leidens in Deutschland" (2022–2025) erhoben.
Die Auswertung der Daten fokussiert auf die Rekonstruktion der expliziten und impliziten (Geschlechter-)Wissensbestände in der therapeutischen Arbeit in der Psychosomatik. Die Datentriangulation zwischen Gruppendiskussionen, Einzelinterviews und Feldprotokollen ermöglicht die Betrachtung des Gegenstandes aus mehreren Perspektiven. Das Ziel der Arbeit ist die Entwicklung einer Typologie, die die Orientierungen der Fachkräfte und darin enthaltene explizite und implizite vergeschlechtlichte Deutungen und Umgangsweisen mit Erwerbs- und Sorgearbeit systematisiert.
Vita
Ina Braune studierte Psychologie (B.Sc.) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Soziologie (M.A.) an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2022 bis 2025 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Psychotherapeutische Behandlung arbeitsbezogenen Leidens in Deutschland" am Institut für Sozialforschung. Seit 2023 promoviert sie an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und am Institut für Sozialforschung. Die Promotion wird durch Prof. Dr. Sabine Flick (PH Freiburg) und Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty betreut und seit 2025 durch ein Promotionsstipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst gefördert.
Kontakt: i.braune@em.uni-frankfurt.de