Sexuelle Gewalt zeichnet sich durch eine besondere Uneindeutigkeit aus: (Potenziell) Betroffene dieser Gewaltform können ihre Erfahrungen häufig nicht eindeutig als gewaltsam beschreiben. Ihr Gegenstück ist nicht die reine Abwesenheit von Gewalt, sondern gewaltfreie Sexualität. In feministischen Auseinandersetzungen mit sexueller Gewalt ist das Verhältnis von Sexualität und Gewalt eine zentrale Problemstellung. Der Begriff der Grauzone wird in dieser Debatte als Umschreibung für Konstellationen verwendet, in denen theoretische Verhältnisbestimmungen in Widersprüche geraten. Damit wird das analytische Problem übersehen, dass die Grauzone aufwirft: Sexuelle Gewalt lässt sich theoretisch nicht eindeutig von Sexualität abgrenzen, da in empirischen Konstellationen beide ineinander verstrickt sind. Anstatt mit dem Begriff Grauzone die Uneindeutigkeit festzuschreiben, enthält er analytisch gewendet das Potenzial, der Verhältnisbestimmung von Sexualität und Gewalt empirisch nachzugehen.
Das Promotionsprojekt schließt an diese Fragestellungen an, betrachtet sie aber aus gewaltsoziologischer Perspektive. Dafür wird ein indexikales Gewaltverständnis zugrunde gelegt, das es ermöglicht, Deutungen erfahrener Sexualität und Gewalt zu rekonstruieren, ohne ein eigenes Verständnis von Gewalt vorauszusetzen. In ethnografisch-explorativen Interviews wurden die Teilnehmerinnen aufgefordert, über Erfahrungen zu berichten, die ihnen selbst für das Forschungsthema relevant schienen. Auf diese Weise wird die narrative Konstruktion des Unterschieds von Gewalt und Nicht-Gewalt vergleichend analysiert. Wie Gewalterleben im Zusammenhang mit Ordnungsbezügen steht und welche Gewaltverhältnisse im Geschlechterverhältnis institutionalisiert und legitimiert sind, werden als empirische Fragestellungen behandelt, anstatt dazu theoretisch begründete Annahmen in die Untersuchung einfließen zu lassen.
Dabei wird mit einer vergleichenden Heuristik von Verletzungserfahrungen und Gewaltdeutungen gearbeitet. Sie ermöglicht es, sich potenzieller Gewalt anzunähern, ohne über das Feld hinweg Setzungen vorzunehmen, wo Gewalt vorliegt und wo nicht. Die Verletzung wird in der phänomenologischen Literatur, die sich mit dem Erleiden von Gewalt auseinandersetzt, als Ausgangspunkt der Frage nach Gewalt verhandelt. Gewalt und Verletzung sind nicht ohne normative Bezüge denkbar, da die Herausbildung einer Erfahrung grundsätzlich die Reflexion des Erlebten und Sinnzuschreibungen zu diesen Erlebnissen erfordert. Auch eine Verletzung wird nicht unmittelbar erfahren, sondern kann nur in Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Unversehrtheit als solche verarbeitet werden. Dennoch wird sie vom subjektiven Standpunkt aus formuliert, während Gewalt darüber hinaus die Frage nach Allgemeingültigkeit und Legitimität formulierter Ansprüche aufwirft. Die vergleichende Heuristik von Verletzungs- und Gewalterfahrungen ermöglicht es, Erfahrungen sexueller Gewalt deutlicher zu differenzieren und ausgehend davon zu beurteilen, was sexuelle Gewalt ausmacht.
Vita
Olga Kedenburg hat Soziologie an der Universität Potsdam und der Goethe-Universität Frankfurt studiert. Sie ist Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst im Rahmen des Promotionsschwerpunkts "Dimensionen der Sorge" und assoziiertes Mitglied des Forschungsprojekts "Umstrittene Gewaltverhältnisse. Die umkämpften Grenzen verbotener, erlaubter und gebotener Gewalt in der Moderne", gefördert von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.