Soziologie des Alleinseins

Projekt von Dr. Sarah Mühlbacher

Das Ziel des Projekts besteht darin, das Phänomen des Alleinseins als Gegenstand für die Soziologie sichtbar zu machen und eine spezifisch soziologische Perspektive auf Alleinsein zu entwickeln. Das Phänomen des Alleinseins ist kategorial von dem Phänomen der Einsamkeit zu unterscheiden. Alleinsein kann zu Einsamkeit führen. Dies ist jedoch keineswegs notwendig der Fall. Bei Einsamkeit handelt es sich um ein zumeist negativ erlebtes Gefühl, das daraus resultiert, dass die gewünschten und die tatsächlichen sozialen Kontakte sowohl quantitativ als auch qualitativ voneinander abweichen. Alleinsein hingegen beschreibt, meiner These nach, eine Lebensform oder soziale Situation, die kurzfristig eintreten kann, aber auch auf Dauer angelegt sein kann. Alleinsein kann unter Umständen als negativ wahrgenommen werden. Im Gegensatz zu Einsamkeit kann Alleinsein auch positiv, etwa als Freiraum für eine andere Formen der Beziehung zu sich selbst oder zur menschlichen und nicht-menschlichen Umwelt, erlebt werden. 

Auf der Ebene gesellschaftlicher Diskurse über Alleinsein zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Etwas allein geschafft zu haben, etwa eine Firma zu gründen oder einen Berg zu besteigen, wird romantisiert und heroisiert; ein Leben allein wird hingegen als Ergebnis eines tragischen Verlusts und somit als schlimmes Schicksal begriffen, das im besten Fall Mitleid bei Außenstehenden hervorruft, im schlimmsten Fall eine Wahrnehmung als Bedrohung bewirkt. Menschen, die allein leben, sind mit der normativen Anforderung konfrontiert, sich in familiären, teils auch freundschaftlichen Kontexten zu binden, keinesfalls jedoch ihr Leben allein als gewünschte und dauerhafte Perspektive zu begreifen. Ziel des Projektes ist es, solche eindimensionalen Betrachtungsweisen zu dekonstruieren und sie mit den Perspektiven von Akteur:innen auf ihre Lebensrealitäten zu konfrontieren.

Das Projekt gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil ist der Frage gewidmet, welche Hinweise soziologische Theorien auf ein soziologisches Verständnis von Alleinsein liefern. Ziel ist es dabei, unterschiedliche gesellschaftliche Dimensionen von Alleinsein zu benennen. Ich schlage eine sozialtheoretische Analyse von Lebensformen und Lebenssituationen des Alleinseins vor, die drei Ebenen Rechnung trägt – einer phänomenologischen, einer macht- und herrschaftskritischen sowie einer normativen.

Diese konzeptionelle Auseinandersetzung soll im zweiten Teil des Projekts durch eine empirische Erforschung der Deutungen von den Akteur:innen, in Bezug auf ihre Lebensformen und -situationen, ergänzt werden. Mit Hilfe von episodischen Interviews werden Zuschreibungen, Selbstinterpretationen und Schilderungen von Alltagspraktiken erhoben. Im Interpretationsprozess sollen Spannungsverhältnisse und Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Zuschreibungen an Alleinsein sowie den Selbstdeutungen der Akteur:innen, in Bezug auf Lebenssituationen und Alltagspraktiken des Alleinseins, rekonstruiert werden. Im Rahmen der Studie erfahren die Auswirkungen intersektionaler sozialer Ungleichheiten auf Lebensrealitäten des Alleinseins eine besondere Berücksichtigung.