DFG-Projekt: Wahrnehmung politischer Parteien in Großbritannien und Deutschland im langen 19. Jahrhundert

          

  Courtesy of the Library of Congress, LC-USZ62-112477  

                 

                            "When bad men combine, the good must associate..."?

Eine ideengeschichtliche Studie zur Wahrnehmung politischer Parteien in Großbritannien und Deutschland im langen 19. Jahrhundert

Antragsteller:

Dr. Philipp Erbentraut, Akademischer Rat an der Professur für Politikwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften, Institut für Politikwissenschaft, Theodor-W.-Adorno-Platz 6, 60629 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 798 36688, E-Mail: erbentraut(a)soz.uni-frankfurt.de

Projektmitarbeiter:

Vicente Pons Marti, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Politikwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften, Institut für Politikwissenschaft, Theodor-W.-Adorno Platz 6, 60629 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 798 36558, E-Mail: ponstmarti(a)soz.uni-frankfurt.de

studentische Hilfskraft:

Annika D'Avis, studentische Hilfskraft an der Professur für Politikwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften, Institut für Politikwissenschaft, Theodor-W.-Adorno Platz 6, 60629 Frankfurt am Main, Tel.: 0151 - 511 49 885, E-Mail: annika.davis(a)gmx.de

Projektzeitraum:

39 Monate (01.03.2017 - 31.05.2020)

Projektbeschreibung:

Von Hannah Arendt stammt die Bemerkung, England sei das einzige Land Europas, in dem der Parlamentarismus nicht verachtet und das Parteiwesen nicht gehasst werde. Neben Frankreich scheint diese Beobachtung besonders auf Deutschland zuzutreffen, wo Verbote und Restriktionen im Bereich der Rede-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit noch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch die Entstehung und Entwicklung von Parteiorganisationen behinderten. Schließlich hatten bereits die Karlsbader Beschlüsse von 1819 einem freien Parteiwesen in Deutschland den Boden entzogen. Und nach dem Hambacher Fest von 1832 erging im gesamten Bundesgebiet ein generelles Parteiverbot. Sogar die Verherrlichung ausländischer Parteien stand nun unter Strafe.

In Großbritannien hingegen, wo mit den Whigs und Tories bereits im 17. Jahrhundert Prototypen moderner Parteien entstanden waren, erlaubte die theoretische Anerkennung eines vernünftigen Interessen- und Meinungspluralismus innerhalb der Gesellschaft bereits in der Frühen Neuzeit eine neutralere Sichtweise. Von hier stammen auch die ersten wissenschaftlichen Deutungsversuche des umstrittenen Sujets. Gern zitiert wird Edmund Burke, der sogar das Streben nach Macht als legitimes Anliegen der Parteien in seine Definition aufnahm. Die Bildung einer Partei wird nun erste Pflicht der Patrioten. Denn:"When bad men combine, the good must associate[...]".

Ausgangsfrage und Zielsetzung:

Im Projekt fragen wir in ideengeschichtlich vergleichender Perspektive nach der Wahrnehmung politischer Parteien in der englischen und deutschen Staatstheorie im "langen 19. Jahrhundert" (1789-1914). Dabei sind vor allem drei Hinsichten von besonderem Interesse:

  1. Welche argumentativen Kontinuitätslinien, aber auch Anregungspoteniale hält der frühe europäische Parteiendiskurs für unsere gegenwärtige Debatte um den Parteienstaat bereit? (Archiv und Arsenal)
  2. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es bei der Bewertung politischer Parteien in Deutschland und Großbritannien im langen 19. Jahrhundert? (Vergleich)
  3. Welche Einflüsse gehen vom englischen politischen Denken der Zeit sowie der bereits weiter entwickelten parlamentarischen Praxis in England auf die deutsche Parteientheorie aus? (Wissenstransfer)

Gab es tatsächlich einen generellen Anti-Parteien-Affekt in der Geschichte des europäischen politischen Denkens? Vorarbeiten zur geplanten Studie lassen im Gegenteil vermuten, dass es bereits vor 200 Jahren eine positive und elaborierte Theorie und Soziologie der politischen Parteien gegeben hat, der ein modernes Parteiverständnis zugrunde lag.


Veröffentlichungen:

D’Avis, Annika/Pons Marti Vicente (2021): Parlamentarismusdebatten im frühen 19. Jahrhundert – Versuch einer Systematisierung. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 153 (2021).

Erbentraut, Philipp: Das Frankfurter Paulskirchenparlament, in: Eke, Norbert (Hrsg.): Vormärz-Handbuch. Bielefeld. S. 140-152. 

Erbentraut, Philipp (2018): Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, 5. Aufl. Wiesbaden (gemeinsam mit Ulrich von Alemann und Jens Walther).

Erbentraut, Philipp (2017): English and French Influences on German Party Theory before 1848, in: Redescriptions: Political Thought, Conceptual History and Feminist Theory 20 (2017), H. 2, S. 159-181.

Erbentraut Philipp (2017): Oligarchie, Demokratie, Anarchie – Drei Idealmodelle vormärzlicher Parteiorganisation, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 48 (2017), H. 3. S. 691-711.

Erbentraut, Philipp (2016): Theorie und Soziologie der politischen Parteien im deutschen Vormärz 1815-1848. Tübingen.

Erbentraut, Philipp (2015): Hans Rosenberg und die vormärzliche Parteientheorie. In: Reese-Schäfer, Walter / Salzborn, Samuel (Hrsg.): Die Stimme des Intellekts ist leise. Klassiker/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams. Baden-Baden. S. 221-244.

Erbentraut, Philipp (2014): Ein kritischer Freund der Parteien. Hegels Auffassung der politischen Parteien war differenzierter als bislang angenommen. In: Hegel-Studien, 48 (2014). S. 95-123.


Vorträge:

Erbentraut, Philipp: The Praise of Political Parties in Germany 1815-1848. Vortrag gehalten beim Annual Meeting der German Studies Association am 02.10.2020 in Washington D. C. (digital).

Pons Marti, Vicente: Parteien in Zeiten der Krise. Wahrnehmungen aus dem 19. Jahrhundert. - Vortrag gehalten im Kolloquium des Deutschen Historischen Instituts London am 01.12.2020 (digital).

Erbentraut, Philipp: Ostrogorski and his American Informants. Political Parties, Elites and Democracy. Vortrag gehalten beim APSA Annual Meeting & Exihibition am 13.09.2020 in San Francisco (digital).

Pons Marti, Vicente: Parties in Times of Crisis. Perspectives from the 19th Century. - Vortrag gehalten beim APSA Annual Meeting & Exihibition am 13.09.2020 in San Francisco (digital).

Pons Marti, Vicente: Antiparlamentarismus und Parlamentarismuskritik. Versuch einer Systematisierung. - Vortrag gehalten anlässlich des 46. Tag der Landesgeschichte in Regensbug vom 18.-20.10.2019.

Pons Marti, Vicente: Parties in Times of Crisis. A Study of the History of Ideas on Political Parties in the 19th Century. Vortrag gehalten anlässlich der Neunten Düsseldorfer Graduiertenkonferenz Parteinforschung vom 02.-03.02.2018.

Erbentraut, Philipp: Parteientheorien in Deutschland und Großbritannien im langen 19. Jahrhundert. Methodische Überlegungen für eine vergleichende Ideengeschichte der mittleren Textebene. - Vortrag gehalten vor dem Jungen ZiF am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld am 07.07.2017.

Erbentraut, Philipp: Englische Einflüsse auf die deutsche Parteientheorie vor 1848. - Vortrag gehalten im Kolloquium der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl) am 29.03.2017 in Berlin.

Erbentraut, Philipp: Der Einfluss des englischen Parlamentarismus auf die deutsche Parteientheorie vor 1848. - Vortrag gehalten anlässlich der 35. Jahrestagung des Arbeitskreises Deutsche England-Forschung (Workshop Geschichte) am 29.04.2016 in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr.