​Institutsnews ​

 

Feb 8 2021
12:40

​ Eine Analyse zur Corona-Krise von Katharina Hoppe

Die Freiheit zur Verleugnung - oder: Keine Helden braucht das Land

„Freiheit vor Fürsorge“ – dieser Slogan ließ sich auf einem Schild bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in München im Juli 2020 lesen. Die Geste, Freiheit und Fürsorge einander gegenüberzustellen, ruft einen ganzen Katalog herrschaftsförmiger Dualismen auf, die das westliche Denken tief prägen. Dabei handelt es sich um Begriffspaare, in denen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und feminisierter Arbeit ebenso angelegt ist wie eine Geringschätzung des Reproduktiven, Körperlichen, Verletzlichen. Mit dem Freiheitsbegriff werden eine männlich konnotierte Souveränität und Unabhängigkeit identifiziert, während dem weiblich konnotierten Begriff der Fürsorge Abhängigkeit und Zwang zugeschrieben wird. Eine Seite der Unterscheidung unterliegt dabei der Abwertung: So wird das „Weibliche“, das „Irrationale“ oder das „Primitive“ mit dem Natürlichen identifiziert, das zwar passiviert wird, aber paradoxerweise auch als prinzipiell bedrohlich und relativ unverfügbar gilt und daher zu beherrschen ist. Und zwar zu beherrschen durch das Aktive und Überlegene, das „Männliche“, die „Kultur“, die „Rationalität“ oder die „Technik“. Dieser Logik unterliegt auch das Begriffspaar Freiheit und Notwendigkeit. Notwendigkeit ist darin etwas Abzulehnendes, Bedrohliches, weil es mit Alternativlosigkeit und Zwang in Verbindung gebracht wird. In der Szene der sogenannten Querdenker wird Notwendigkeit identifiziert mit „Fürsorge“, die Freiheit untergräbt, während andersherum Freiheit als Abwesenheit jeglicher Notwendigkeit vorausgesetzt wird.

Die Covid-19-Pandemie hat konkreter und vor allem schneller als es die immer noch zu abstrakt vorgestellte Größe des Klimawandels vermag, die intrinsische Verwiesenheit der Pole Freiheit und Fürsorge (oder Notwendigkeit) spürbar gemacht. Die gegenwärtige Intensität der Krisenerfahrung speist sich nicht zuletzt aus einer Erfahrung substanzieller und nicht unmittelbar regierbarer Abhängigkeit. Das Abhängigkeitsgeflecht, das gegenwärtig spürbar wird, muss als Gefüge verstanden werden, in dem das Biologische und das Soziale nicht voneinander ablösbar sind: Ohne eine wie auch immer geartete Sozialität können Viren sich nicht verbreiten, sie kleben gleichsam an den Bewegungsprofilen ihrer Wirtsorganismen. Daher ist die Beschreibung der Pandemie als biosozialer Prozess sinnvoll. So kann auf die lebenserhaltenden, gleichzeitig natürlichen und kulturellen Bedingungen der Existenz hingewiesen werden. Die ihrerseits dualistische Vorstellung, das Soziale oder das Kulturelle ständen der Natur äußerlich gegenüber, führt das Virus ad absurdum. Die Zoonose ist die psychotische Kehrseite einer Produktions- und Lebensweise, die Lebensräume unterschiedlichster Spezies verkleinert, unbewohnbar macht, Spezies näher aneinanderrücken lässt und dadurch die Verbreitung und Entstehung von Viren begünstigt. Die pandemische Konstellation macht also in aller Deutlichkeit spürbar, dass eine klare Abgrenzung von Natur und Kultur nicht funktioniert – vom „Anderen“, dem Natürlichen, hängen „wir“, hängen die Kultur, die Ökonomie, die Produktion immer schon ab. Die Gegenüberstellung Kultur/Natur kann strukturanalog gelesen werden zu Freiheit/Fürsorge. Natur, Fürsorge und Notwendigkeit werden dabei mit dem „Weiblichen“ in Verbindung gebracht, als bedrohlich empfunden; in der Folge wird eine Rationalität etabliert, die sich gegen diese wendet – gegen Frauen und andere als anders markierte Personen ebenso wie gegen die Vorstellung, selbst auf ‚Natur' oder auf Fürsorge angewiesen zu sein. Die Konfrontation mit der Unverfügbarkeit von Viren, von Natur-Kultur-Gefügen, hat daher massive Abwehrreaktionen hervorgerufen.

Die Pandemieerfahrung ist nun in der Tat eine ungekannte Begegnung mit Prekarität – eine Begegnung, die schwer auszuhalten ist, und zwar besonders dann, wenn die eigene Freiheit als völlig abgekoppelt von sozialen, infrastrukturellen und natürlichen Abhängigkeiten, ja, sogar von Fürsorge konzipiert wird, also als abgelöst vom Notwendigen. Diese Freiheit ist eine Freiheit der Verleugnung von Abhängigkeiten, die unter den Vorzeichen einer Pandemie ungleich mehr betont werden muss. Denn die Verleugnungsleistung wird tatsächlich prekär, wenn sie ob der pandemischen Erfahrung, die die Spürbarkeit der eigenen Abhängigkeiten so deutlich erhöht, kompliziert zu werden droht. Es ist dieses Gefühl einer bedrohten Souveränität und der mit dieser Vorstellung zusammenhängenden falsch verstandenen Freiheit als radikaler Unabhängigkeit, die abgeschlossenen Weltbildern, Nationalismen und auch faschistischen Tendenzen in die Hände spielt.

Während die Pflegekräfte nicht als Fürsorgende für andere, sondern als Held*innen im Kampf gegen das Virus gefeiert wurden – was selbstverständlich keine nennenswerte monetäre oder gesellschaftliche Aufwertung ihrer Tätigkeiten zur Folge hatte –, hat sich ein bemerkenswerter weiterer Heldendiskurs ausgebildet, der frappant jene Gefahr zuspitzt, die in der systematischen Verleugnung, Verachtung und Beherrschung des Reproduktiven und Natürlichen angelegt ist. Wiederum auf einem Demo-Schild, diesmal bei der Querdenker-Demonstration in Stuttgart im Mai 2020, ließ sich lesen: „Lieber stehend sterben als kniend leben!“ Hier wird der Tod – jene Notwendigkeit, die schlichtweg nicht zu verleugnen ist – einer heroischen Souveränitätsfiktion unterstellt. Umberto Eco hat in seinen Arbeiten zum Faschismus den engen Zusammenhang zwischen dem „Kult des Heroismus“ und dem „Kult des Todes“ hervorgehoben: „In jeder Mythologie ist der Held ein Ausnahmewesen, aber in der Ideologie des Ur-Faschismus ist Heroismus die Norm. […] Der urfaschistische Held […] ersehnt den Heldentod, der ihm als die beste Belohnung eines heroischen Lebens gepredigt wird.“ [1] Der so verstandene Held stilisiert seine Auflehnung, die sich gegen fremde Mächte sowie etablierte Autoritäten richtet, als Selbstaufopferung im Widerstandskampf. [2] Deutlich wird dabei, dass er keinen Umgang mit den Notwendigkeiten des Lebens findet und seine Abhängigkeit von Fürsorge ebenso wie die eigene Vulnerabilität verleugnen muss. Ein solcher Heroismus ist zutiefst vergeschlechtlicht – die Freiheit des Helden ist die Freiheit von der Notwendigkeit und hier besonders die vermeintliche Freiheit von Körperlichkeit und Angewiesenheit auf andere. Es handelt sich um einen Heroismus, der alles ‚Weibliche' – vor allem die eigenen bedürftigen Anteile – verleugnen muss und demgegenüber männlich konnotierte Begehrensstrukturen über sich hinaustreibt. Darin wird auch der misogyne Zug dieser Abwertungs- und Verleugnungsmechanismen deutlich. Was die Corona-Krise jedoch sichtbar macht, ist gerade, dass es ein Fehler ist, Freiheit und Notwendigkeit in dieser Weise gegeneinander auszuspielen. Freiheit ist nur unter guten Bedingungen der Fürsorge – vom Zugang zu sauberem Trinkwasser über stützende Nahbeziehungen bis hin zu kostenfreier Gesundheitsversorgung – überhaupt möglich. Ja, womöglich realisiert sich Freiheit allein in sorgenden Abhängigkeitsverhältnissen. Dann wäre sie auch verknüpft mit einer Forderung nach Politiken der Notwendigkeit und der Fürsorge, die die komplexen Ermöglichungsbedingungen eines guten Lebens für alle jenseits einer allein ökonomischen Logik einfordern.

Die völlige Negation eigener Abhängigkeiten und Bedürfnisse im Heroismus der „Querdenker“ ist indes nur die Überspitzung einer weiter verbreiteten gefährlichen Souveränitätsfiktion, in der sich auch Klimawandelleugnende und „Querdenker“ treffen. Die Pandemie und ihre Folgen ebenso wie die Konsequenzen der globalen Erderwärmung können als Erinnerungen an Abhängigkeitsverhältnisse verstanden werden. Sie sind die Erinnerung daran, dass wir mit nicht unmittelbar Präsentem oder auch Abstraktem zu tun haben, also unsere Praktiken mit Ereignissen und Gefährdungen, die weit weg erscheinen, verwoben sind. Etwa werden große Flächen des Amazonasgebietes auch zur Aufrechterhaltung ‚unserer' Lebensform abgeholzt. Wir hängen ab von unzähligen menschlichen und nicht menschlichen Organismen, Entitäten, Strukturen – und das im Guten wie im Schlechten. Diese Komplexität ist eine Zumutung, und dennoch ist die annähernde Vergegenwärtigung der eigenen Abhängigkeiten politisch geboten, wenn wir auch nur einen Bruchteil der sich zuspitzenden Krisen begreifen wollen; ihre Verleugnung hingegen ist der sichere Weg in die Katastrophe. Sticker wie „I love Klimawandel“ auf SUVs demonstrieren diese Verleugnung ganz genauso wie die heldenhafte Inszenierung der Freiheit als Unverwundbarkeit oder des Willens zum Helden(tod). Dabei ist es nur eine spezifische – antiquierte – Vorstellung von Freiheit, die hier bedroht ist: nämlich jene, die diese in radikaler Unabhängigkeit und Souveränität aufgehen lässt. Die Freiheit zur Verleugnung ist blutleer, weil sie keine Bedingtheiten kennt und in ihren Überspitzungen gefährlich ist. Das Virus zwingt demgegenüber dazu, darüber zu debattieren und nachzudenken, wie mit Unverfügbarkeit, Notwendigkeit und unserer „Natur“ – als einer auf andere und anderes angewiesenen – besser umgegangen werden kann. Die Frage, wie mit biosozialen Abhängigkeiten gelebt werden kann, wird ohne Zweifel bleiben und kann sich einen defizitären gesellschaftlichen Umgang mit Notwendigkeit und Abhängigkeit nicht leisten. Die Kosten der Verleugnung von anderen und anderem, die an ‚uns' gebunden sind, sind hoch, nicht nur, weil das Natürlich-Kulturelle zurückschlägt und eben nicht gänzlich kontrollierbar ist, sondern auch, weil das Leben einiger darin einer nekropolitischen Logik unterworfen wird. Das Sterben-Lassen in der Pandemie und an den europäischen Außengrenzen ist auch auf Verdrängungsleistungen und (heroische) Souveränitätsfiktionen angewiesen: Keine Helden braucht das Land, sondern postheroische Transformationen von Abhängigkeitsverhältnissen.

Anmerkungen

[1] Umberto Eco, Der ewige Faschismus, München 2020, S. 36.
[2] Vgl. zum Motiv des Widerstands gegen etablierte Autoritäten bei den Corona-Protesten die Ergebnisse der empirischen Studie von Oliver Nachtwey/Robert Schäfer/Nadine Frei, Politische Soziologie der Corona-Proteste, 2020, besonders S. 57. Die Studienergebnisse sind online verfügbar unter: https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f.

Dr. Katharina Hoppe ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziale Ungleichheit des Instituts für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Der Text erschien erstmals am 27. Januar 2021 im Rahmen der Kolumne This is Tomorrow auf www.textezurkunst.de

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