Respekt und Arroganz in demokratischen Gesellschaften
Demokratie verspricht politische Gleichheit – nicht erst an der Wahlurne, sondern auch schon bei der Diskussion darüber, welche Interessen legitim und welche kollektiven Entscheidungen sinnvoll sind. In der politischen Praxis liberaler Demokratien wird dieses Grundprinzip zunehmend in Frage gestellt: einerseits von politischen Strömungen, die den relativen Status von Staatsbürgern an ihren ethnischen Hintergrund knüpfen; andererseits von denjenigen, die den Wählerinnen der „anderen Seite“ Anstand und Verstand summarisch absprechen – und damit auch die Qualifikation, an der gemeinsamen Deliberation des Demos teilzunehmen. Die Betroffenen erleben dies oft als empörende Missachtung. In ihrer Verärgerung grenzen sie sich umso stärker von der „arroganten“ Gegenseite ab und suchen emotionale Bestätigung in ihrer eigenen Gruppe. Dies fördert Dialogverweigerung, affektive Polarisierung und die Stärkung politischer Extreme, bis hin zur Machtübernahme autoritärer Parteien.
Das Vorhaben wirft einen möglichst umfassenden Blick auf das Problem und nutzt dafür einschlägige Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen, insbesondere aus der politischen Philosophie, politischen Soziologie und Psychologie. Es dient insofern nicht der Grundlagenforschung, sondern stellt die praktische Dimension des Problems in den Mittelpunkt. Ziel ist die Erstellung einer deutschsprachigen Monographie, die auch außerhalb der akademischen Forschung Debatten anregen kann. Das geplante Buch behandelt vor allem die politische Kultur Deutschlands und soll u.a. folgende Fragen beleuchten:
Respekt und Missachtung in den internationalen Beziehungen
Die Analyse von Respekt könnte sowohl für die Außenpolitikanalyse als auch für die Untersuchung von Interaktionsprozessen aufschlussreich sein: für die Außenpolitikanalyse, weil sie das Tableau der Akteursziele ergänzt und insofern z. T. bessere Erklärungen verspricht, für die Interaktionsanalyse, weil sie ein neues Licht auf die Eskalation und Transformation von Konflikten wirft. Vereinfacht gesagt wird erwartet, dass erfahrener Respekt die Kooperationsbereitschaft erhöht, während Missachtung Widerstand hervorruft.
Die Erforschung dieser Fragen erfordert interdisziplinäres Vorgehen, vor allem mit Philosophie, Soziologie und Sozialpsychologie. Eine Einbeziehung der praktischen Philosophie ist geboten, weil die subjektive Erfahrung von Missachtung fast immer mit der Einschätzung einhergeht, ungerecht behandelt worden zu sein. Akteure glauben nämlich stets einen moralischen Anspruch auf Respekt zu haben. Soziologie und Sozialpsychologie versprechen insbesondere Nutzen für die Analyse der Statusaspekte und der emotionalen Dimension, die gerade bei der Erfahrung von Missachtung entscheidend ist.
Relevante Links
Respecting foreign peoples: the limits of moral obligations, in: Journal of International Relations and Development 19:1 (2016)
Respect and Disrespect in International Politics, in: International Theory 3(1) 2011
Respekt, Solidarität und Kooperation in den internationalen Beziehungen, in Maull et al. 2009
Respekt. Ein unterschätzter Faktor in den Internationalen Beziehungen, ZIB 1/2008
Emotionen in den Internationalen Beziehungen
Diese Arbeiten können verstanden werden als Teil des „emotional turns“, den die Teildisziplin Internationale Beziehungen seit einigen Jahren genommen hat. Schwerpunkt ist dabei die Frage, welche Folgen emotionalisierte Statuswahrnehmungen von Regierungen und Öffentlichkeiten für außenpolitische Diskurse und Entscheidungen haben, insbesondere wie Wut über Missachtungen die Konfliktbereitschaft beeinflusst und wie Demütigungserfahrungen nationale Ressentiments erzeugen.
Relevante Links
Between Deference and Defiance: Hierarchical Status Roles and International Conflict, in: International Studies Quarterly (online first) (2021)
Europa zwischen China und den USA
In diesem Untersuchungsfeld geht es um die möglichen Folgen, die ein Kalter Krieg zwischen den USA und China für Europa haben könnte, und um die Frage, wie sich Europa in einem solchen Umfeld positionieren sollte. Hierzu wurden in Frankfurt (gemeinsam mit Sebastian Biba und Markus Liegl) zwei Workshops veranstaltet, aus denen eine Edition und ein special issue hervorgingen.
Relevante Links
Europe in an Era of Growing Sino-American Competition: Coping with an Unstable Triangle, Routledge 2021 (coedited with Sebastian Biba)