Forschungsschwerpunkte Prof. Dr. Reinhard Wolf

Forschungsschwerpunkt "Respekt"

Respekt und Arroganz in demokratischen Gesellschaften

Demokratie verspricht politische Gleichheit – nicht erst an der Wahlurne, sondern auch schon bei der Diskussion darüber, welche Interessen legitim und welche kollektiven Entscheidungen sinnvoll sind. In der politischen Praxis liberaler Demokratien wird dieses Grundprinzip zunehmend in Frage gestellt: einerseits von politischen Strömungen, die den relativen Status von Staatsbürgern an ihren ethnischen Hintergrund knüpfen; andererseits von denjenigen, die den Wählerinnen der „anderen Seite“ Anstand und Verstand summarisch absprechen – und damit auch die Qualifikation, an der gemeinsamen Deliberation des Demos teilzunehmen. Die Betroffenen erleben dies oft als empörende Missachtung. In ihrer Verärgerung grenzen sie sich umso stärker von der „arroganten“ Gegenseite ab und suchen emotionale Bestätigung in ihrer eigenen Gruppe. Dies fördert Dialogverweigerung, affektive Polarisierung und die Stärkung politischer Extreme, bis hin zur Machtübernahme autoritärer Parteien.

Das Vorhaben wirft einen möglichst umfassenden Blick auf das Problem und nutzt dafür einschlägige Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen, insbesondere aus der politischen Philosophie, politischen Soziologie und Psychologie. Es dient insofern nicht der Grundlagenforschung, sondern stellt die praktische Dimension des Problems in den Mittelpunkt. Ziel ist die Erstellung einer deutschsprachigen Monographie, die auch außerhalb der akademischen Forschung Debatten anregen kann. Das geplante Buch behandelt vor allem die politische Kultur Deutschlands und soll u.a. folgende Fragen beleuchten:

  •  Was ist Respekt?
  • Warum ist gegenseitiger Respekt geboten in einer demokratischen Gesellschaft?
  • Weshalb fällt es oft so schwer, Andersdenkende als gleichwertige Diskussionspartner zu respektieren?
  • Warum haben wir oft mehr Grund, die im „anderen Lager“ zu achten, als eine aufgeheizte politische Debatte uns glauben macht?
  • Wo kann oder muss Respekt verweigert werden?
  • Was können der Staat, die Gesellschaft und wir alle tun, um ein respektvolles Miteinander zu fördern?

Respekt und Missachtung in den internationalen Beziehungen

Die Analyse von Respekt könnte sowohl für die Außenpolitikanalyse als auch für die Untersuchung von Interaktionsprozessen aufschlussreich sein: für die Außenpolitikanalyse, weil sie das Tableau der Akteursziele ergänzt und insofern z. T. bessere Erklärungen verspricht, für die Interaktionsanalyse, weil sie ein neues Licht auf die Eskalation und Transformation von Konflikten wirft. Vereinfacht gesagt wird erwartet, dass erfahrener Respekt die Kooperationsbereitschaft erhöht, während Missachtung Widerstand hervorruft.

Die Erforschung dieser Fragen erfordert interdisziplinäres Vorgehen, vor allem mit Philosophie, Soziologie und Sozialpsychologie. Eine Einbeziehung der praktischen Philosophie ist geboten, weil die subjektive Erfahrung von Missachtung fast immer mit der Einschätzung einhergeht, ungerecht behandelt worden zu sein. Akteure glauben nämlich stets einen moralischen Anspruch auf Respekt zu haben. Soziologie und Sozialpsychologie versprechen insbesondere Nutzen für die Analyse der Statusaspekte und der emotionalen Dimension, die gerade bei der Erfahrung von Missachtung entscheidend ist.

Relevante Links

Status, States, and Moral Sentiments: How Respect and Disrespect Shape International Politics, Oxford University Press, 2025

Between Deference and Defiance: Hierarchical Status Roles and International Conflict, in: International Studies Quarterly (online first) (2021)

Taking interaction seriously: Asymmetrical roles and the behavioral foundations of status, in: European Journal of International Relations 25:4 (2019)

Eingebildete Missachtung, Narzissmus und patronalistisches Denken. Die Wurzeln von Donald Trumps Aversion gegen die liberale Weltordnung, in: Christopher Daase und Stefan Kroll (Hrsg.): Angriff auf die liberale Weltordnung - Die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik unter Donald Trump, Wiesbaden, 2019

Debt, dignity, and defiance: why Greece went to the brink, in: Review of International Political Economy 25.6 (2018)

Respecting foreign peoples: the limits of moral obligations, in: Journal of International Relations and Development 19:1 (2016)

Respect and Disrespect in International Politics, in: International Theory 3(1) 2011

Respekt, Solidarität und Kooperation in den internationalen Beziehungen, in Maull et al. 2009

Respekt. Ein unterschätzter Faktor in den Internationalen Beziehungen, ZIB 1/2008

Forschungsschwerpunkt "Emotionen in den Internationalen Beziehungen"

Emotionen in den Internationalen Beziehungen

Diese Arbeiten können verstanden werden als Teil des „emotional turns“, den die Teildisziplin Internationale Beziehungen seit einigen Jahren genommen hat. Schwerpunkt ist dabei die Frage, welche Folgen emotionalisierte Statuswahrnehmungen von Regierungen und Öffentlichkeiten für außenpolitische Diskurse und Entscheidungen haben, insbesondere wie Wut über Missachtungen die Konfliktbereitschaft beeinflusst und wie Demütigungserfahrungen nationale Ressentiments erzeugen.

Relevante Links

Between Deference and Defiance: Hierarchical Status Roles and International Conflict, in: International Studies Quarterly (online first) (2021)

“On Monday, Our National Humiliation Will Be Over. We Will Finish with Orders from Abroad": Status, Emotions, and the SYRIZA Government's Rhetoric in the Greek Sovereign Debt Crisis, in: Simon Koschut (ed.): The Power of Emotions in World Politics, Abingdon 2020.

Debt, Dignity and Defiance: Why Greece Went to the Brink, in: Review of International Political Economy 25:6 (2018), 829-53.

Political Emotions as Public Processes. Analyzing Transnational Ressentiments in Discourses, in: Maéva Clement und Eric Sangar (Hrsg.): Researching Emotions in International Relations: Methodological Perspectives on the Emotional Turn, Cham 2018.

Identifying Emotional Reactions to Status Deprivations in Discourse, in: International Studies Review 19:3 (September 2017), 491-96.

Der ‚emotional turn' in den IB: Plädoyer für eine theoretische Überwindung metho­discher Engführung, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 5: 4 (November 2012)

Forschungsschwerpunkt "Europa zwischen China und den USA"