Soziologie und Sozialpsychologie mit dem Schwerpunkt der interpretativen empirischen Sozialforschung

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Was tun interpretative Sozialforscher*innen? Sie betreiben Sozialforschung in der Überzeugung, dass sie selbst Teil ihres beforschten Gegenstandes sind. In der ethnomethodologischen Tradition richten sich Forscher*innen in dieser Haltung auf das soziale Geschehen selbst. Sie erkennen und verstehen Aktivitäten, wie das Bewerten oder Protestieren, das Spielen oder Streiten oder das Interpretieren selbst, als praktisch gekonntes Tun. Das Wie, nicht das Warum, wird hier zur maßgeblichen Frage, an der sich auch klärt, was mit einem Tun mobilisiert, bewirkt und hervorgebracht wird: Autoritätsgefälle, Problemhierarchien, Rollen-Paare, Geschlechterunterscheidungen, Wissensformen, Normalitäten, etc. Es lohnt sich für Soziolog*innen, sich diesem Tun auszusetzen und dorthin zu gehen, „where the action is“ (Erving Goffman).   

Unser Schwerpunkt pflegt und entwickelt Methoden, die sich dem – oft schnellen und unübersichtlichen – Geschehen und seinen Hervorbringungen stellen. Fündig werden wir in den Varianten der Feld- und Diskursforschung, wie sie in der Soziologie, aber auch in der Ethnologie oder der Linguistik entwickelt werden. Es sind dann Fragen wie die folgenden, die uns beschäftigen: Wie lassen sich mit diesen Herangehensweisen (allzu) offensichtliche oder unvertraute Praktiken erschließen? Wie macht sich ein Tun für Andere beobachtbar und welche Forschungsdaten lassen sich daraus gewinnen? Wie zeigen sich in audiovisuellen Aufnahmen, den Transkripten, Beobachtungsprotokollen oder Dokumenten die strukturierenden Regelmäßigkeiten der untersuchten Praxis? Wir finden Antworten auf diese Fragen in der Auseinandersetzung mit solch unterschiedlichen Arbeitsfeldern wie den juristischen Verfahren, der ökologischen Renaturierung, der digitalen Produktion, der polizeilichen Prävention, der Waldbewirtschaftung, der militärischen Gewalt oder der parlamentarischen Politik.

Unsere Art und Weise des Forschens befördert eine enge Verzahnung von Forschung und Lehre. Wir wollen unsere Studierenden zur praxisnahen Forschung befähigen und ermutigen. Unsere Lehre kennzeichnet die Orientierung an der Forschungspraxis mit eigenen Datenerhebungen und -analysen, an klassischen wie neuen Fallstudien, sowie an Seminarprojekten, die Fallstudien mit Theoriearbeit zusammenbringen. In dieser Weise überschreitet das soziologische Denken an und mit Fällen die Trennung von Theorie und Empirie. Das Eine schließt immer schon das Andere ein.

In Forschung und Lehre geht es uns um eine Soziologie, die sich selbst als Teil der Gesellschaft begreift, die sie beforscht. Diese Forschungshaltung nötigt nicht nur zur methodischen Reflexion, sondern, mehr noch, zur veränderten Beziehung zwischen ‚unserem' und ‚deren' Wissen. So ist Kritik ebenso wenig ein Privileg von Forscher*innen, wie Sorge und Ängste ausschließlich Praktiker*innen betreffen. Als Zeitgenoss*innen sind wir allesamt in unserem eingeübten Tun angesichts gegenwärtiger Krisen und Probleme infrage gestellt. Mit den Studierenden und Beforschten spüren wir diesen Prüfungen bis hinein in alltäglichste Praktiken und Verrichtungen nach.