Abstract: Energie erscheint als natürliche Größe in der Energiewirtschaft. Während die Preise für Batterien, Strom, oder Benzin fluktuieren und durch allerlei soziale Zusammenhänge beeinflusst werden, bleibt ihr energetischer Wert konstant. Auch im akademischen Diskurs werden feste energetische Grenzen oftmals dem grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstum entgegengestellt: das Kapital erscheint abstrakt und gesellschaftlich, während Energie konkret und materiell, als natürliche Eigenschaft der Waren, erscheint. Dementsprechend wurde auch die Geschichte der Energiewirtschaft lange als Naturgeschichte erzählt, das heißt als Geschichte, in der die menschliche Energiewirtschaft natürlich – und zwar aus energetischen Gründen (etwa: Holzknappheit) – aus der Natur hervorging.
Die These des Vortrags lautet, dass sich die Entstehung der Energiewirtschaft nur begreifen lässt, wenn man Energie selbst nicht als natürlich begreift. Ausgehend von einem Naturbegriff der kritischen Theorie skizziert der Vortrag die Entstehung der Energiewirtschaft als gesellschaftliches Naturverhältnis, das in der Natur gegen die Natur realisiert wurde. Der Vortrag geht in drei Schritten vor. (1) Zunächst wird ein kultur- bzw. sozialwissenschaftlicher Energiebegriff entwickelt, der es erlaubt, den Begriff in Bezug auf die soziale Praxis zu denken, in der er entsteht: der Energiebegriff vermittelt das Aneignen, das Arbeiten an und mit Naturkräften im industriellen Kapitalismus – und zwar gerade gegen die Weise, in der Naturkräfte sich natürlich, unbearbeitet, verhalten würden. (2) In einem zweiten Schritt werden die Implikationen dieser Perspektive für eine Geschichte der Energiewirtschaft diskutiert und an historischem Material illustriert: Statt einer Nutzung von Energien, die in der Natur als solche angelegt sind, wird die menschliche Arbeit hervorgehoben, die es braucht, um Natur zum Arbeiten zu bringen und als Ware zirkulieren zu lassen. Darüber hinaus stellt eine solche Perspektive auf die Nicht-Identität von Naturkräften und Energiewaren scharf, die sich auch noch in den vergegenständlichten energetischen Dingen (wie etwa dem elektrischen Strom) durchhält. (3) Der Vortrag schließt mit der Frage, was mit einer solchen Umstellung der Perspektive auf einen nicht-energetischen, kritischen Materialismus gewonnen wird. Die Energiewirtschaft als gesellschaftliches Naturverhältnis zu begreifen, zielt gegen die wirkmächtige, produktivistische wie ökologische Vorstellung, dass die Gesellschaft in den energetischen Gesetzen ihre eigene Naturbedingung erkannt hat. Diese Kritik der Naturalisierung kann umgekehrt freilich nicht bedeuten, dass die Gesellschaft die Bedingungen energetischer Objektivität selbst herstellen kann. Der Vortrag schlägt vor, die Spuren einer trägen, untätigen, und sich widersetzenden Natur als Beleg dafür zu lesen, dass andere Naturverhältnisse möglich sind. Dies eröffnet erst die Möglichkeit, nach anderen Begriffen dafür zu suchen, dass die Gesellschaft Träger von Kräften ist, die nicht ihre eigenen sind.