Prof. Dr. Barbara Brandl - Forschung

Forschungsinteressen

Wirtschafts- und Organisationssoziologie, Politische Ökonomie, Wissenschafts- und Techniksoziologie (insb. Blockchain, digitale Finanzinnovationen, Grüne Biotechnologie)


Forschungsprojekte

Technologie statt Institutionen?

Die Blockchain-Technologie als Bedrohung des Bankensystems

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Projektnummer: 406907010

Laufzeit: März 2020 – Februar 2023

Projektleitung: Prof. Dr. Barbara Brandl

Mitarbeiterin: Lilith Dietrich, M.A.

Die wohl bekannteste Anwendung der Blockchain-Technologie ist Bitcoin, die erste digitale Währung (Kryptowährung), mit der in einem weltweiten dezentralen Zahlungssystem Transaktionen abgewickelt werden können. Dabei hat sich schnell herausgestellt, dass die Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain weit über digitale Währungen hinausgehen. Eine ganze Reihe kommerzieller Akteure, zunächst Start-ups, aber auch Banken und traditionelle IT-Unternehmen wurden dadurch motiviert, sich an der Weiterentwicklung von Blockchain zu beteiligen. Blockchain verspricht, die bisher zur Validierung von Transaktionen notwendigen (Macht-) Instanzen wie Staaten, aber auch Banken oder Kreditkartenfirmen auszuschalten. Transaktionen aller Art, vom Zahlungsverkehr bis hin zur vertraglichen Festlegung von Eigentumstiteln, sollen nun auf Peer-to-Peer-Basis stattfinden und müssen nicht mehr durch eine dritte Instanz verifiziert werden.

Dieses Forschungsprojekt stellt die Frage nach der Realisierbarkeit der Ankündigung der Blockchain-Apologeten, alle Intermediäre überflüssig zu machen und durch dezentral organisierte Peer-to-Peer-Netzwerke zu ersetzen. Diese Frage ist nicht nur von spekulativem Interesse, sondern soziologisch bzw. politökonomisch in höchstem Maße relevant, da ihre Beantwortung an die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung rührt. Kapitalistische Wirtschaftssysteme sind auf zentralisierte Austauschsysteme mit dominierenden Akteuren, etwa Zentralbanken, angewiesen.

Das Forschungsvorhaben geht von der These aus, dass Technologie nie „einfach so“ existiert, sondern in einem komplexen Zusammenspiel von Regulation und Technologieentwicklung entsteht. In diesem Sinne nimmt das Forschungsprojekt die Wechselwirkung zwischen den nationalstaatlichen institutionellen Architekturen, die den Akteuren bei der Koordination technologischer Projekte zur Verfügung stehen, einerseits und den technologischen Entwicklungen der Blockchain-Technologie anderseits in den Blick.

Konkret werden in diesem Forschungsvorhaben u.a. folgende Fragen untersucht: (1) Welche Akteure sind in der Lage, sich die potenziell revolutionäre Blockchain-Technologie anzueignen, und wie verändert sich die Blockchain-Technologie durch diese Aneignung? (2) Welche Rolle spielt die Regulierung durch Nationalstaaten oder supranationale Einheiten für diesen Prozess? (3) Wie verändern sich die grundlegenden Institutionen kapitalistischer Gesellschaften wie Geld und Schulden durch diesen technologischen Prozess?

Methodisch werden diese Fragen einerseits durch qualitative Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Ministerien und Behörden, Banken und Start-ups in Deutschland und den USA sowie durch die teilnehmende Beobachtung von einschlägigen Konferenzen untersucht. Parallel werden alle Texte, die als Vorformen von Gesetzen zu Regulation von Blockchain im Finanzsektor entstehen, inhaltsanalytisch ausgewertet. Durch den Vergleich zwischen Deutschland und USA soll versucht werden, Muster in der Verflechtung von Technologie und Regulation zu identifizieren. 

 

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