Prof. Dr. Daniela Grunow - Forschung

Aktuelle Projekte

DFG-Forschungsgruppe FOR 5173: Reconfiguration and Internalization of Social Structure (RISS)

Soziostruktureller Wandel bleibt nicht folgenlos für die sozialen und politischen Orientierungen der Menschen. Zunehmende politische Entfremdung und Polarisierung sowie neue soziale Konfliktlinien stellen bestehende Systeme der Ressourcenallokation und Repräsentation in Frage. Setzt man diese Entwicklungen in Bezug zu soziostrukturellen Veränderungen ergibt sich ein Widerspruch. Wie lassen sich eine ‚individualisierte‘ Sozialstruktur oder das Ende der ‚politisierten‘ Sozialstruktur mit der menschlichen Neigung zur Gruppenbildung und den gegenwärtigen soziopolitischen Konflikten vereinbaren?

Der Zusammenhang zwischen soziostrukturellem Wandel und soziopolitischen Orientierungen erscheint komplexer, als von der Forschung bisher gewürdigt wird. Tatsächlich generieren etablierte Ansätze wie die Statusinkonsistenztheorie und das Konzept der Cross-cutting Cleavages gegensätzliche Vorhersagen zur Internalisierung der Sozialstruktur und damit zu Fragen des sozialen Zusammenhalts und der politischen Stabilität. RISS setzt sich zum Ziel, diesen Widerspruch aufzulösen.

Die geplante Forschungsgruppe RISS vereint Sozialstrukturanalyse und Politische Soziologie und schlägt eine neue analytische Perspektive vor. Obwohl sich die Sozialstruktur dramatisch verändert hat, hat sie nichts von ihrer prägenden Kraft eingebüßt. Statt einer Auflösung der Sozialstruktur erleben wir ihre grundlegende Rekonfiguration sowie eine Internalisierung von neuen Sozialpositionen und Gruppenzugehörigkeiten. Um die Transformationen unserer Zeit zu begreifen, müssen wir einen Blick auf diese neuartigen Sozialstrukturen werfen und verstehen, wie sie Sichtweisen, Überzeugungen und Präferenzen prägen.

Der Schlüssel liegt in einem dezidiert multidimensionalen Verständnis von Sozialstruktur, in der eine Vielzahl von sozialen Positionen auf komplexe Art und Weise miteinander verknüpft sind. Die Forschung konzentriert sich bislang auf einzelne strukturelle Dimensionen wie Bildungserfolg, sozioökonomischer Status, Geschlechterverhältnis oder Migration und ethnische Vielfalt. Was fehlt, ist ein fundiertes Verständnis davon, wie sich Wandel in diesen Einzeldimensionen verschränkt und umfassende Rekonfigurationen der Sozialstruktur bedingt. Wir müssen auch begreifen, wie Menschen diese internalisieren und mit Neukombinationen von ehemals unverbunden Sozialmerkmalen umgehen. Schließlich gilt es zu verstehen, wie sich diese Veränderungen in individuellen und kollektiven Verhaltensweisen und deren Folgen niederschlagen.

Unser Ziel ist eine ausdrücklich multidimensionale Konzeption von soziostrukturellem Wandel sowie die Entwicklung einer innovativen empirischen Forschungsstrategie, welche diese Komplexität adäquat abbildet. Ein solcher Ansatz verspricht sowohl eine gehaltvollere Theoriebildung über die soziostrukturelle Prägung individueller und kollektiver Orientierungen, als auch ein besseres Verständnis unserer turbulenten Zeit. Zur Pressemitteilung.

Sprecherin: Prof. Dr. Daniela Grunow
Co-Sprecher: Prof. Dr. Richard Traunmüller, Universität Mannheim
Laufzeit: 1.10.2021- 30.09.2025
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft

 

RISS-Projekt 1: CoRE

CoRE – Re-konfigurationen konzeptualisieren für die empirische Forschung

Dieses Projekt nimmt eine besondere Rolle innerhalb der RISS Forschungsgruppe ein. Basierend auf den im RISS Rahmenantrag formulierten Zielen, wird es einen konzeptuellen Rahmen ausarbeiten, der die verschiedenen RISS Einzelprojekte miteinander verknüpft. Gleichzeitig werden die zentralen theoretischen Konzepte und Mechanismen zur Analyse der Rekonfiguration der Sozialstruktur und deren Internalisierung in einem innovativen empirischen Ansatz verankert. Vor diesem Hintergrund lassen sich drei zentrale Projektziele formulieren. Das erste Ziel ist die Weiterentwicklung einer multidimensionalen Perspektive auf die Rekonfiguration und Internalisierung der Sozialstruktur. Dazu werden in einer theoretisch-konzeptuellen Analyse die Konzepte der Statusinkonsistenz und der sich kreuzenden sozialen Gräben („cross-cleavages“) mit Hilfe des Konzepts der sozialen Identität in einem multidimensionalen Makro-Meso-Mikro Rahmen der Sozialstruktur integriert. Die theoretischen Implikationen dieses konzeptuellen Rahmens werden hinsichtlich der sozialen Identifikation von Individuen mit der Gesamtgesellschaft und mit gesellschaftlichen Teilgruppen anhand einer Simulationsstudie untersucht. Das zweite Ziel ist die Koordination und Organisation der Erhebungen des RISS Rekonfiguration Datensatzes und des RISS Internalisierung Surveys. Diese Datensätze sind mit der Absicht entworfen worden, die Rekonfiguration und die Internalisierung der Sozialstruktur aus einer multidimensionalen Perspektive zu untersuchen. Der RISS Rekonfiguration Datensatz wird Informationen zur multidimensionalen Rekonfiguration der Sozialstruktur Deutschlands von 1980-2020 auf der Makro Ebene aus Sekundärdaten extrahieren und zusammenzuführen. Der RISS Internalisierung Survey wird Daten erheben, die Untersuchungen dazu erlauben wie Individuen die rekonfigurierte Sozialstruktur internalisieren. Dafür wird eine Querschnittserhebung unter einer statistisch repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung sowie ausgewählten theoretisch interessanten Zielgruppen durchgeführt. Neben gängigen Informationen zur sozio-ökonomischen Position, liegt der Schwerpunkt der Befragung auf innovativen Instrumenten zur Messung der sozialen Identität. Das dritte Ziel ist die empirische Überprüfung zentraler inhaltlicher Annahmen des RISS Rahmenantrags anhand der erhobenen Datensätze. Während die anderen RISS Einzelprojekte dem konzeptuellen Rahmen Tiefe und (potentiell) Validität verschaffen indem ausgewählte Themen oder gesellschaftliche Sphären untersucht werden, widmet sich dieses Projekt den RISS Thesen 1, 2 und 3 aus einer ganzheitlichen Perspektive. Anhand des Rekonfiguration Datensatzes wird die in These 1 beschriebene multidimensionale Transformation der Deutschen Sozialstruktur analysiert. Die in Thesen 2 und 3 beschriebenen Internalisierungsmechanismen werden anhand eines im RISS Internalisierung Survey implementierten Conjoint-Experiments untersucht.

Leitung: Prof. Dr. Daniela Grunow; Yassine Khoudja, PhD., Prof. Dr. Richard Traunmüller (Universität Mannheim)
Laufzeit: 1.10.2021- 30.09.2025
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Dieses Projekt ist Teil der DFG Forschungsgruppe RISS / FOR 5173.


RISS- Projekt 2

Internalisierte Gender- und Elternschaftsnormen: Eine Analyse der Rekonfiguration zwischen Geschlecht, sozioökonomischen Status und Migrationshintergrund

Das Projekt analysiert Gender- und Elternschaftsnormen, die sich auf die Art der Kinderbetreuung und deren Aufteilung zwischen Müttern und Vätern beziehen. Solche Normen scheinen in gegenwärtigen Gesellschaften stark umstritten zu sein - nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb verschiedener sozialer Gruppen, z.B. zwischen Männern und Frauen und unter Hochgebildeten. Wir untersuchen, inwieweit diese Situation durch die soziostrukturelle Rekonfiguration von Geschlecht, sozioökonomischem Status (SES) und Migrationshintergrund erklärt werden kann. Multidimensionaler sozialer Wandel hat die Kovarianz dieser Merkmale dramatisch verändert, was auch erhebliche Auswirkungen auf das Familienleben und Geschlechterverhältnisse haben kann. Wir untersuchen, inwieweit die Rekonfiguration und die Kreuzung („cross-cutting“) dieser Merkmale zu neuen sozialen Identitäten geführt haben, die wiederum die Varianz und Umstrittenheit von Gender- und Elternschaftsnormen erklären können. Darüber hinaus untersuchen wir, welche sozialen Gruppen ihre Elternschaftsnormen besser in die Praxis umsetzen können. Für die empirischen Analysen kombinieren wir verschiedene Daten. Der Kern des Projekts wird eine eigene Datenerhebung im Rahmen des RISS Internalization Survey sein. Wir planen eine Online-Umfrage unter Personen aus verschiedenen Bildungs- und Migrantengruppen, um die Varianz in Bezug auf Elternschaftsnormen zu maximieren. Es werden neue und innovative Messungen der sozialen Identität von Personen sowie ihrer Gender-und Elternschaftsnormen entwickelt. Diese Daten ermöglichen eine detaillierte Analyse, wie Geschlecht, SES und Migrationshintergrund zusammenwirken und sich in verschiedenen sozialen Identitäten, inklusive möglicher Subgruppenidentitäten (z.B. Identifikation als Akademikerin türkischer Herkunft), niederschlagen, und wie diese (neuen) sozialen Identitäten mit verschiedenen Gender- und Elternschaftsnormen zusammenhängen. Darüber hinaus werden wir eine Sekundäranalyse der Panel-Studie „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS) durchführen, wobei wir untersuchen, inwieweit es Eltern gelingt, ihre Elternschaftsnormen in die Praxis umzusetzen.

Leitung: Prof. Dr. Birgit Becker, Prof. Dr. Daniela Grunow
Laufzeit: 1.10.2021- 30.09.2025
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Dieses Projekt ist Teil der DFG Forschungsgruppe RISS / FOR 5173.


Wertkonflikte, Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Zusammenhalt im Geschlechterverhältnis


Geschlecht ist ein bedeutsamer Faktor bei der Herstellung gesellschaftlichen Zusammenhalts, der in den letzten Jahrzehnten besonders stark von sozialem Wandel betroffen ist. Als Folge konkurrieren etwa in Europa nicht nur verschiedene familien- und arbeitsmarktpolitische work-care-Modelle, es koexistieren damit verbunden auch egalitäre und essentialistische Geschlechterideologien und Familienideale, deren sozial-strukturelle Fundierung und Folgen bislang unerforscht sind. Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt erstens, ob die konkurrierenden Geschlechter- und Familienideale mit anderen Werten wie kultureller Offenheit beziehungsweise Schließung, Solidarität und Wahlverhalten zusammenhängen. Zweitens fragen wir, ob die politische Mobilisierung von Genderfragen durch politische Parteien zur Etablierung einer neuen politischen Polarisierung führt und wie sich diese zu anderen kulturellen und sozioökonomischen Spaltungslinien verhält. Drittens wird untersucht, welche sozio-strukturellen und -kulturellen Determinanten und Folgen unterschiedliche Formen der familialen Arbeitsteilung für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten haben.

Leitung: Prof. Dr. Daniela Grunow, Prof. Sigrid Roßteutscher, PhD
Laufzeit: 03.2021 – 02.2023
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)


Wächst Europa zusammen? Konvergenz und Divergenz politischer Einstellungen in Europa

Nachdem Europa seit Ende des zweiten Weltkriegs stetig weiter zusammengewachsen ist, sind im letzten Jahrzehnt größere Herausforderungen einer weitergehenden EU-Integration deutlich sichtbar geworden. Vor diesem Hintergrund erforscht das Projekt potentielle Polarisierungs- und Fragmentierungstendenzen der öffentlichen Meinung in Europa. Dabei stehen Einstellungen zu vier politischen Schlüsselthemen im Zentrum der Untersuchung: ökonomische Umverteilung, Geschlechterverhältnisse, Einwanderung/kulturelle Diversität und Europäische Integration.

Polarisierungs- und Fragmentierungstendenzen werden entlang dieser Themen aus drei analytischen Perspektiven untersucht. Erstens werden Länderunterschiede in den politischen Themenverschränkungen, d.h. den Zusammenhängen zwischen den Einstellungen zu den politischen Schlüsselthemen, analysiert. Zweitens werden Einstellungsverteilungen zu den politischen Schlüsselthemen und deren Entwicklung im Zeitverlauf zwischen und innerhalb europäischer Länder verglichen. Drittens werden Einstellungsstrukturen zwischen Individuen verglichen, um sogenannte politische Glaubenssysteme zu identifizieren. Empirische Grundlagen bilden statistisch repräsentative ländervergleichende Surveys mit Längsschnitt-Design (repeated cross-section), wie z.B. der European Social Survey.

Leitung: Yassine Khoudja, PhD, Prof. Dr. Daniela Grunow
Laufzeit: 01.01.2021 - 31.12.2023
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Förderkennzeichen 01UG2114

   


Start des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Teilinstitut Frankfurt

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) nimmt im Juni die Arbeit auf. Ziel der Forscher*innen im FGZ-Teilinstitut Frankfurt ist es, neue Formen gesellschaftlicher Vielfalt und ihre Auswirkungen auf die Austragung gesellschaftlicher Konflikte zu analysieren und die Bedingungen produktiven Streitens als Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erkennen und praktisch nutzbar zu machen. Informationen zu diesem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbund finden Sie hier.

Leitung: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (Sprecherin), Prof. Dr. Rainer Forst (Co-Sprecher), Prof. Dr. Daniela Grunow (Co-Sprecherin) FGZ-Teilinstitut Frankfurt
Laufzeit: 01.06.2020 – 31.05.2024
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

   


Abgeschlossene Projekte

FAMILY FRIENDLY Firms & Careers

Der Einfluss familienfreundlicher Maßnahmen in Betrieben auf das Arbeitsmarktverhalten von Müttern und Vätern – eine empirische Analyse mit verknüpften Betriebs- und Personendaten.

Kooperationsprojekt mit dem Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Im Fokus des Projekts standen betriebliche familienfreundlichen Maßnahmen, welche auf eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zielen. Familienfreundliche Maßnahmen sind nicht nur ein zentrales Thema in der Arbeitsmarkt- und Familienpolitik, sondern mittlerweile fester Bestandteil in der betrieblichen Personalpolitik. Während die familienpolitischen Maßnahmen bereits evaluiert worden waren, besteht eine Forschungslücke für die betrieblichen Maßnahmen.

Das Projekt griff auf verknüpfte Betriebs- und Personendaten (sogenannte Linked-Employer-Employee-Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)) zurück, die eine Analyse der Wechselwirkungen zwischen betrieblich angebotenen Maßnahmen und staatlich gesteuerten Rahmenbedingungen sowie regionalen Kontextfaktoren auf individuelle Arbeitsmarktentscheidungen erlaubten.  

Projektleitung: Dr. Corinna Frodermann, Prof. Dr. Daniela Grunow, Dana Müller

ProjektmitarbeiterinnenAnn-Christin Bächmann, Marina Hagen

Laufzeit: 01.04.2017-31.12.2019

Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)


Das APPARENT Projekt

Internationale und nationale Studien zu Normen und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung beim Übergang zur Elternschaft.

Ziel des Projektes war die Erforschung aktuell vorherrschender Elternschaftsnormen; speziell deren Entstehung, Verbreitung und praktische Relevanz für geschlechtsspezifisches Handeln in sieben Europäischen Ländern. Im Fokus stand zum Einen, inwiefern Mutterschaft und Vaterschaft durch Expert(innen), Wohlfahrtsstaaten und Massenmedien konstruiert werden und zum Anderen, inwieweit kulturelle und institutionelle Normen beim Übergang zur Elternschaft von Paaren selbst wahrgenommen und umgesetzt werden.

Projektleitung: Prof. Dr. Daniela Grunow

Laufzeit: 01.01.2011-31.12.2016

Finanzierung: Europäischer Forschungsrat

Link zur Projektwebseite